Im Büro, indem wir uns die Bestätigung abholen sollen, weiß natürlich niemand davon. Wir erklären, dass der Pater uns geschickt hat, und freundlicherweise erklärt und der Mitarbeiter, dass er nicht der Pater ist. Damit scheint die Sache für ihn erledigt. Wir drängen, dass er den Pater (sein Chef übrigens) anruft und die Sache klärt. Der Pater hat vergessen, die Angelegenheit weiterzugeben, aber schließlich bekommen wir die Bestätigungen doch noch.
Wir sollen um 9 mit den Bewerbungsgesprächen beginnen, aber natürlich ist noch keiner da, als wir kommen. Tobia muss noch P. Rainer von den Callisto Katakomben abholen. P. Rainer ist Deutscher und arbeitet seit 14 Jahren in den Katakomben, die von den Salesianern betreut werden. Er wurde von seinen Kollegen in Deutschland gebeten, die Auswahl der Volontäre zu übernehmen. Eigentlich wusste er nur, dass er Volontäre für Benediktbeuern auswählen muss, jetzt ist aber auch noch die Auswahl für Chemnitz und Bonn dazugekommen. Das alles ist an ihm vorübergegangen, denn bei den Salesianern funktioniert das Internet schon seit einem Monat nicht. Die Salesianer rufen zwar täglich an und beschwerden sich, doch es kommt einfach kein Techniker vorbei. Dafür wird ihnen von der Internetfirma am Telefon aber bestätigt, dass es wirklich eine Frechheit ist, dass noch keiner gekommen ist.
Die Gespräche sind interessant, aber anstrengend. Durchgehend von 9 bis 19 Uhr. Dazwischen nur eine Mittagspause, die ich aber für den Versand von Emails nutze. P. Rainer ist ganz witzig. Er scheint die Gespräche mit den Jugendlichen zu genießen, erzählt, wie schön die Gegend um Benediktbeuern ist und welch ein Kaff Stams nicht ist. Die erste Bewerberin fragt er, ob sie raucht. Sie verneint, er lobt sie und erklärt, dass alle Raucher einen schlechten Charakter haben. Ich fühle mich natürlich angesprochen, und auch Margit grinst mich an. P. Rainer greift in seine Tasche, zieht eine Packung Marlboro 100 raus und zündet sich eine an. Das ist sehr praktisch, das erste Gebäude in Rom, in dem wir rauchen dürfen. Durch die ganzen Nebensächlichkeiten, über die bei den Interviews gesprochen wird, wenn sie auch teilweise ganz spannend sind, wird der Zeitplan ziemlich eng.
Ein Ticket zum Flughafen kosten 9,50 Euro. Tobia gibt uns einen Insidertipp: wir sollen das Ticket nicht am normalen Schalter, sondern am Schalter direkt am Bahnsteig kaufen. Wir machen uns also auf zum Bahnsteig, angetrieben von Margit, die darauf achtet, dass der Zeitplan eingehalten wird. Der Schalter am Bahnsteig besteht nur aus einem Klapptisch. Ein Ticket kostet 11 Euro. Super Tipp, aber eigentlich hätten wir es ja nach den vergangenen Ereignissen schon besser wissen müssen.
Beim Rückflug selbst gibt’s keine Probleme, wir kommen aber mit Verspätung an, weil die Maschine nicht rechtzeitig starten konnte.
Zum Abschluss ist zu sagen, dass wir eine wunderschöne Zeit in Rom hatten. Wenige Tage nach der Ankunft in Wien ist bei uns einer unserer Projektpartner aus Turin da, dem ich auch von meiner Reise erzähle. Ich sage ihm auch, dass Rom eine wunderschöne Stadt ist. Er stimmt mir zu: „Yes, Rome is a beautiful city. Too beautiful for the Romans. They don’t deserve it!“
Montag, 3. Juli 2006
Sonntag, 2. Juli 2006
Rom - Tag 4
Was ist mir gleich am ersten Tag vorgenommen hatte, schaffe ich natürlich auch heute Morgen wieder nicht. Ich hatte eigentlich geplant, zum Kolosseum zu gehen, um dort den Sonnenaufgang zu fotografieren. Mir als geübten Fotografen ist natürlich gleich beim ersten Besucht dort aufgefallen, dass das Licht dort in der Frühe am besten sein muss. Wie dem auch sei, auch an diesem Morgen habe ich es wieder nicht geschafft, so bald aufzustehen.
Ich treffe mich mit Margit, und eigentlich haben wir keinen Plan, was wir eigentlich machen sollen. Es gibt noch einige Dinge, die wir noch nicht gesehen haben, also zumindest ich nicht, aber Margit will die Entscheidung über die Reihenfolge nicht treffen und mir ist das egal. Dass das natürlich nicht unbedingt die beste Konstellation ist, wird der romkundige Leser im Laufe des Berichts noch nachvollziehen können, wenn er bemerkt, dass uns unsere letzte Besichtigungstour durch ganz Rom führt, der weiteste Weg, den wir in den letzten Tagen zurückgelegt haben.
Wir beginnen also mit der wahrscheinlich wichtigsten Sehenswürdigkeit, die wir während unseres Aufenthaltes noch nicht besucht haben. Also rein in die U-Bahn (die rote) und ab zur Piazza di Spagna. Dort erwartet uns, wie der Name ja schon vermuten lässt, die spanische Treppe. Und da muss ich Euch gleich wieder mit Geschichte langweilen. Man stößt hier in Rom ja immer wieder auf sehr interessante Geschichten, die, wie die letzten Tage beweisen, ja mitunter sehr kurios sein können, und so ist auch die Geschichte der Spanischen Treppe eine Geschichte von Italienern und Franzosen. Wieso dann Spanische Treppe frage ich mich?
Vor der Treppe endlich mal ein richtig schöner großer Platz, der Piazza di Spagna, der der Spanischen Treppe wirklich würdig ist. Mitten auf dem Platz ein ganz lustiger Brunnen. Er zeigt ein Boot, das gerade untergeht. Die Stelle, an der der Brunnen steht, markiert die Stelle, bis zu der das Wasser bei einer verheerenden Tiberüberschwemmung einmal gestiegen ist. Darum auch das untergehende Boot. Der Brunnen wurde von Bernini gebaut. Eh klar, schon wieder Bernini. Diesmal handelt es sich aber um den Vater des uns bereits bekannten Bernini, der denselben Namen hatte. Zufälle gibt’s. Wie man es ja schon von vielen anderen Kunstwerken kennt, so wurde auch in dieses mehr hineininterpretiert, als sich der Künstler wahrscheinlich dabei gedacht hat. Eine Tiberüberschwemmung war wahrscheinlich nicht logisch oder spektakulär genug, der musste sich schon auch noch etwas Anderes gedacht haben, und so gab es die kuriosesten Erklärungsversuche. Einer davon, dass der Brunnen das weibliche Geschlechtsorgan darstellt. Häähhhh??? Nicht mal mit sehr viel Phantasie kann ich das da reininterpretieren. Lustig auch wieder einmal der Vatikan, der den Brunnen als Zeichen für die Kirchen und den Glauben bezeichnete. Warum dafür gerade ein untergehendes Schiff als Symbol gewählt wurde, bleibt bis heute unbekannt.
Zurück zur Treppe. Wenn ich diese Geschichte erzähle, darf ich eigentlich nicht mit den Stufen selbst beginnen, sondern muss sagen, wohin sie führen. Sie führen zu einer Kirche auf einem Hügel, die von den Franzosen gebaut wurde. Diese Kirche war früher nur über einem ziemlich verwilderten Aufgang zu erreichen. Rasenmäher gab es damals ja noch nicht. Und weil Frankreich ja eine große Nation ist, und der König sowieso ein Gott, kann man sich mit so einem mickrigen Aufgang natürlich nicht zufrieden geben. Es muss aber eine Treppe her, eine, die was hergibt. Und natürlich soll die auch ein französisches Nationaldenkmal sein, daher soll auch ein Reiterdenkmal mit dem Bildnis des französischen Königs errichtet werden. Hier mischt sich nun der Papst ein und gibt seinen Senf dazu. Er sagt, dass die Franzosen wohl so einen Statue aufstellen können, aber nicht in Rom, denn da ist der Papst der Chef. Es wird also hin und her diskutiert, die Treppe wird gebaut, aber ohne Denkmal für den französischen König. Ein paar Jahre später will ein anderer Papst den Spieß umdrehen und einen Obelisken (ja, schon wieder ein Obelisk) zur Demonstration der Macht des Vatikans aufstellen, aber hier legen die Franzosen wieder ein Veto ein, und es passiert wieder nichts. 1789 wird schließlich doch noch ein Obelisk aufgestellt, denn die Franzosen haben zu dieser Zeit andere Sorgen, gilt es doch jede Menge Leute zu köpfen.
Und weil es zu diesem Thema nicht viel mehr zu erzählen gibt, löse ich nun die, wie ich meine, mit viel Geschick aufgebaute Spannung auf und verrate, wie die Spanische Treppe zu ihrem Namen kam: In der Nähe befindet sich die spanische Botschaft, frührer war der Platz daher auch spanisches Hoheitsgebiet und Möglichkeit zur Flucht vor dem Vatikan. Und so sind die Spanier eigentlich der lachende Dritte in dieser Geschichte: Eine wunderschöne Treppe wurde von den Franzosen gebaut, der Vatikan hat auch noch einen Obelisken springen lassen, und heute glauben alle, das Ganze sei den Spaniern zu verdanken.
Die Treppe wurde übrigens vor einigen Jahren renoviert. Sie ist ein beliebter Treffpunkt für das römische Volk, und vor allem auch für Touristen. Nach der Renovierung war es verboten, auf der Treppe zu essen oder zu trinken, es gab sogar Wärter, die gewissenhaft die Einhaltung dieser Regeln einforderten. Von den Wärtern war an diesem Sonntagvormittag jedoch nichts zu sehen. Und weil irgendetwas immer renoviert wird, ist der Obelisk bei unserem Besuch von einem Gerüst verdeckt.
Wenn man den Platz überquert, in Verlängerung der Treppe sozusagen, befindet sich eine beliebte Einkaufsstraße. Sie ist, wenn auch noch exklusiver, ein wenig mit der Kärntnerstraße zu vergleichen. In der Straße sind gleich nebeneinander die Geschäfte so ziemlich aller berühmten und teuren Designer angesiedelt. Eines muss man den Italienern lassen, sie sind schon sehr vernünftige Männern. Ja, richtig gehört, Männer. Sie haben nämlich Mitleid mit anderen Männern, vor allem mit jenen, die in Begleitung einer Frau unterwegs sind. Und so kommt es, dass die Geschäfte, wie es für ein katholisches Land gehört, am Sonntag nicht nur geschlossen sind, nein, auch die Gitter sind so konstruiert, dass man nicht in die Geschäfte hineinsehen kann. Das spart Zeit und Geduld, denn mit Fenstershopsn ist hier nichts. Wir gehen die Straße zwar ein Stückchen entlang, das dauert aber nicht sehr lange.
Wir gehen jetzt die Spanische Treppe hinauf, an der Kirche vorbei zum Pincio. Das ist wieder ein Hügel, aber keiner der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde, denn dieses Gebiet war zu dieser Zeit noch weit außerhalb Roms. Vom Hügel aus hat man eine beeindruckende Sicht über Rom. Dahinter erstreckt sich ein riesengroßer Park, in dem man einige Herrenvillen und Museen findet. Der Pincio ist für die Bevölkerung von Rom ungefähr das, was die Donauinsel für die Wiener ist: Ein Erholungsgebiet zum Ausruhen, Radfahren, Skaten usw. Weil dieses Gebiet eigentlich dem immer zunehmenden Verkehr in Rom im Weg war, wollte man es teilweise abreißen und Straßen bauen. Die Bevölkerung hat sich aber erfolgreich dagegen gewehrt, und das ist auch gut so. Schließlich wurden Tunnel in den Hügel gesprengt, in denen nun der Verkehr verläuft. Wir verbringen eine längere Zeit auf einer steinernen Parkbank, weil es hier sehr ruhig und vor allem schattig und durch eine leichte Brise auf dem Hügel angenehm kühl ist. Die Sonne brennt ja schon wieder runter wie nix. Eine Besichtigung der Museen wollen wir uns sparen, wir machen nur einen kleinen Spaziergang zum Zentrum des Parks, in dem sich ein kleiner, künstlich angelegter See befindet. Hier kann man sich ein Boot mieten und eine romantische Bootsrundfahrt auf dem idyllischen See machen. Ein kleines Problem ist nur, dass es schon ziemlich eng wird, wenn sich mehr als zehn Bote auf dem See befinden, und dass an den Rundern büschelweise grausliche Algen hängen, ist auch nicht gerade förderlich für das Aufkommen von Romantik bei der trauten Zweisamkeit.
Wir gehen, den Hügel runter, zum Piazza del Popolo. Das ist der größte Platz, den wir in Rom sehen. Mit Ausnahme des Petersplatzes natürlich, der befindet zwar in der gleichen Stadt, aber in einem anderen Staat. (Hier fällt mir noch ein, dass es beim Vatikan gar keine Grenzkontrollen gegeben hat, und auch Alkohol und Zigaretten darf man in unbegrenztem Umfang ein- und ausführen). Der Platz war, wenn man vom Norden her kam, früher das erste, das Romreisende, die über die Via Flaminia kamen, von der Stadt gesehen haben, dementsprechend prunkvoll sind auch das Tor und der Platz gestaltet. Vom Platz gehen, wie ein Dreizack, drei Straßen weg, die mittlere ist die Via del Corso, die direkt zum Piazza Venezia und somit zum Forum Romanum führt. In der Mitte des Platzes thront, wie sollte es anders sein, ein Obelisk. Wegen Renovierungsarbeiten hinter einem Gerüst, natürlich.
Jetzt weiter Richtung Vatikan, zur Engelsburg. Davor machen wir aber noch Halt am Piazza Navona, weil es dort in der Nähe ein gutes Eis gibt. Auch dieser Platz ist wieder sehr interessant. Hier stand zu Zeiten des antiken Roms ein Stadion. Auf den früheren Tribünen wurden Häuser gebaut, die Arena selbst wurde zum Marktplatz umfunktioniert. Der Platz hat auch gebäudemäßig einiges zu bieten. In der Mitte befindet sich ein Brunnen, Fontana die quattro fiumi, der Vierstrombrunnen. Vier Männer, die sich an den Ecken befinden, symbolisieren die großen Ströme der damals bekannten Welt. Der Brunnen wurde von, ganz richtig, Bernini erbaut. Direkt vor dem Brunnen die Kirche der Heiligen Agnes, von Borromini gestaltet. Anscheinend hat es da ein wenig Streit zwischen den beiden Architekten gegeben, denn beide wollten den Auftrag für die unbedingt haben, Borromini bekam den Zuschlag. Bernini durfte dafür den Brunnen bauen. Der war darüber ein wenig ziemlich verärgert und begann den Brunnenbau, noch vor der Errichtung der Kirche. Und dass Bernini auch ziemlich nachtragend war, sieht man heute daran, dass alle vier Figuren des Brunnens den Blick von der Kirche abwenden. Eine Legende erzählt auch, dass Borromini daraufhin die Statue der Heiligen Agnes von Rom so aufgestellt hat, dass sie am Brunnen vorbeiblickt, aber das lässt sich insofern widerlegen, als die Statue erst nach Borrominis Tod aufgestellt wurde.
Die Englesburg wurde im 2. Jahrhundert nach Christus errichtet und war Grabmal und Tempel für Kaiser Hadrian. Später wurden auch noch andere römische Kaiser, deren prominentester Vertreter wahrscheinlich Mark Aurel ist, dort bestattet. Später wurde ein Mauergang von der Engelsburg zum Vatikan errichtet, und die Burg wurde in Zeiten von Belagerung und Plünderung zum Zufluchtsort für den Papst. Die Engelsburg erlangte dann auch als Gefängnis und Folterkammer der Inquisition zweifelhaften Ruhm. Unter anderem waren dort Kaliber wie Galileo Galilei inhaftiert.
Musikinteressierte wissen natürlich auch, dass die Oper „Tosca“ von Puccini teilweise auf der Engelsburg handelt. Die Hauptdarstellerin der Oper stürzt sich von den Mauern der Burg in den Tod, was zwar sehr spektakulär klingt, eigentlich aber so nicht möglich ist. Denn in der Realität wäre sie nur auf einen Balkon gefallen und hätte sich maximal den Knöchel verstaucht, aber für eine Oper ist das zu wenig. Originell wäre gewesen, wenn sie von einem Obelisken, der auf dem Balkon steht, ausgespießt wird, aber das wäre für eine Oper dann wahrscheinlich zu blutig gewesen. Und woher bitte einen Obelisken nehmen?
Vom der Engelsburg hat man einen schönen Blick auf den Vatikan, direkt auf den Petersplatz. 1929 wurde der Vatikan als Staat eingerichtet, und als Zeichen der Versöhnung zwischen Kirche und Staat ließ Mussolini diese Straße, die Via della Conciliazione, Straße der Versöhnung, erbauen.
Es ist mittlerweile schon wieder Nachmittag, Zeit für eine Pause. Wir begeben uns auf die Suche nach einer Pizzeria. Schließlich finden wir in einer Seitenstraße ein gemütlich Restaurant mit gemütlichem Gastgarten, davor allerdings ein Schild mit der Aufschrift „Pizza 30m links“. Auch dort ein Lokal mit schönem Gastgarten, der jedoch der prallen Sonne ausgeliefert ist. Dort wollen wir auf keinen Fall sitzen. Margit will nur etwas essen, ich will auf jeden Fall eine Pizza. Also stehen wir ein wenig unschlüssig rum, bis ein Kellner aus dem ersten Lokal kommt und uns einen Platz anbietet. Wir lehnen dankend ab mit dem Hinweis, dass wir Pizza essen wollen. Das ist für den Kellner kein Problem, wir können im Schatten sitzen, und er holt die Pizza aus dem Nebenlokal. Ich vermute mal, dass die Besitzer der beiden Restaurants Cousins sind. So bleibt das Geld wenigstens in der Familie.
Im Judenviertel gibt’s noch einen wichtigen Brunnen, den Schildkrötenbrunnen. Der ist ganz witzig, weil Statuen von Männern Schildkröten zum Brunnen hinauf heben, damit diese trinken können. Vom Brunnen sehen wir aber leider nichts, weil er komplett verdeckt ist. Wird gerade renoviert. Aber zumindest ein Foto können wir und ansehen.
Eigentlich bin ich schon sehr müde, aber Margit erzählt mir schon seit drei Tagen, dass ich unbedingt die Kirche San Giovanni in Laterano sehen muss. Es kostet mich schon Überwindung, dort noch hinzufahren, zumal es am anderen Ende der Stadt ist, aber ich gebe mir einen Ruck, weil ich das Gefühl habe, dass es Margit sehr wichtig ist. Bisher hat sie ja mit all ihren Tipps Recht gehabt, also habe ich auch diesmal keinen Grund, an der Sehenswürdigkeit dieser Kirche zu zweifeln. San Giovanni in Laterano ist der ursprüngliche Papstsitz und daher nach dem Petersdom die wichtigste Kirche in Rom. Von außen sieht sie sehr schön aus, leider können wir nicht rein, da vor der Kirche ein Open Air Festival stattfindet und alles gesperrt ist. Da ganz in der Nähe wieder eine Kirche ist, sehen wir uns diese an. Sie ist natürlich auch wieder ganz wichtig. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Margit sich gerne Kirchen ansieht, aber ich darf ihr da wirklich nicht Unrecht tun, denn es zahlt sich aus, auch diese Kirche zu besuchen, auch wenn die Müdigkeit immer größer wird. Aber schließlich ist man nicht aller Tage in Rom, und da ist es schon gut, einen Antreiber zu haben, der einen den inneren Schweinehund überwinden lässt. Interessant an der Kirche ist, dass hier drei Kirchen übereinander gebaut wurden. Die unteren Teile sind aber leider schon geschlossen.
Im Salesianerhaus angekommen gehen wir gleich zu einem Pater und bezahlen die Zimmer. Da er keine Bestätigungsformulare hat, bittet er uns, am nächsten Morgen ins Büro zu gehen, dort können wir uns die Bestätigungen abholen. Margit trifft sich noch zum Pizzaessen mit Freunden (aha, deshalb wollte sie mittags keine Pizza), ich bin auch eingeladen, lehne aber ab, weil ich jetzt wirklich nicht mehr kann. Außerdem habe ich für die kommende Woche und die Bewerbungsgespräche noch einiges vorzubereiten. Zu wirklich viel komme ich aber nicht, da ich schon nach zwei Stunden so müde bin, dass ich ins Bett gehe.
Ich treffe mich mit Margit, und eigentlich haben wir keinen Plan, was wir eigentlich machen sollen. Es gibt noch einige Dinge, die wir noch nicht gesehen haben, also zumindest ich nicht, aber Margit will die Entscheidung über die Reihenfolge nicht treffen und mir ist das egal. Dass das natürlich nicht unbedingt die beste Konstellation ist, wird der romkundige Leser im Laufe des Berichts noch nachvollziehen können, wenn er bemerkt, dass uns unsere letzte Besichtigungstour durch ganz Rom führt, der weiteste Weg, den wir in den letzten Tagen zurückgelegt haben.
Wir beginnen also mit der wahrscheinlich wichtigsten Sehenswürdigkeit, die wir während unseres Aufenthaltes noch nicht besucht haben. Also rein in die U-Bahn (die rote) und ab zur Piazza di Spagna. Dort erwartet uns, wie der Name ja schon vermuten lässt, die spanische Treppe. Und da muss ich Euch gleich wieder mit Geschichte langweilen. Man stößt hier in Rom ja immer wieder auf sehr interessante Geschichten, die, wie die letzten Tage beweisen, ja mitunter sehr kurios sein können, und so ist auch die Geschichte der Spanischen Treppe eine Geschichte von Italienern und Franzosen. Wieso dann Spanische Treppe frage ich mich?
Vor der Treppe endlich mal ein richtig schöner großer Platz, der Piazza di Spagna, der der Spanischen Treppe wirklich würdig ist. Mitten auf dem Platz ein ganz lustiger Brunnen. Er zeigt ein Boot, das gerade untergeht. Die Stelle, an der der Brunnen steht, markiert die Stelle, bis zu der das Wasser bei einer verheerenden Tiberüberschwemmung einmal gestiegen ist. Darum auch das untergehende Boot. Der Brunnen wurde von Bernini gebaut. Eh klar, schon wieder Bernini. Diesmal handelt es sich aber um den Vater des uns bereits bekannten Bernini, der denselben Namen hatte. Zufälle gibt’s. Wie man es ja schon von vielen anderen Kunstwerken kennt, so wurde auch in dieses mehr hineininterpretiert, als sich der Künstler wahrscheinlich dabei gedacht hat. Eine Tiberüberschwemmung war wahrscheinlich nicht logisch oder spektakulär genug, der musste sich schon auch noch etwas Anderes gedacht haben, und so gab es die kuriosesten Erklärungsversuche. Einer davon, dass der Brunnen das weibliche Geschlechtsorgan darstellt. Häähhhh??? Nicht mal mit sehr viel Phantasie kann ich das da reininterpretieren. Lustig auch wieder einmal der Vatikan, der den Brunnen als Zeichen für die Kirchen und den Glauben bezeichnete. Warum dafür gerade ein untergehendes Schiff als Symbol gewählt wurde, bleibt bis heute unbekannt.
Zurück zur Treppe. Wenn ich diese Geschichte erzähle, darf ich eigentlich nicht mit den Stufen selbst beginnen, sondern muss sagen, wohin sie führen. Sie führen zu einer Kirche auf einem Hügel, die von den Franzosen gebaut wurde. Diese Kirche war früher nur über einem ziemlich verwilderten Aufgang zu erreichen. Rasenmäher gab es damals ja noch nicht. Und weil Frankreich ja eine große Nation ist, und der König sowieso ein Gott, kann man sich mit so einem mickrigen Aufgang natürlich nicht zufrieden geben. Es muss aber eine Treppe her, eine, die was hergibt. Und natürlich soll die auch ein französisches Nationaldenkmal sein, daher soll auch ein Reiterdenkmal mit dem Bildnis des französischen Königs errichtet werden. Hier mischt sich nun der Papst ein und gibt seinen Senf dazu. Er sagt, dass die Franzosen wohl so einen Statue aufstellen können, aber nicht in Rom, denn da ist der Papst der Chef. Es wird also hin und her diskutiert, die Treppe wird gebaut, aber ohne Denkmal für den französischen König. Ein paar Jahre später will ein anderer Papst den Spieß umdrehen und einen Obelisken (ja, schon wieder ein Obelisk) zur Demonstration der Macht des Vatikans aufstellen, aber hier legen die Franzosen wieder ein Veto ein, und es passiert wieder nichts. 1789 wird schließlich doch noch ein Obelisk aufgestellt, denn die Franzosen haben zu dieser Zeit andere Sorgen, gilt es doch jede Menge Leute zu köpfen.
Und weil es zu diesem Thema nicht viel mehr zu erzählen gibt, löse ich nun die, wie ich meine, mit viel Geschick aufgebaute Spannung auf und verrate, wie die Spanische Treppe zu ihrem Namen kam: In der Nähe befindet sich die spanische Botschaft, frührer war der Platz daher auch spanisches Hoheitsgebiet und Möglichkeit zur Flucht vor dem Vatikan. Und so sind die Spanier eigentlich der lachende Dritte in dieser Geschichte: Eine wunderschöne Treppe wurde von den Franzosen gebaut, der Vatikan hat auch noch einen Obelisken springen lassen, und heute glauben alle, das Ganze sei den Spaniern zu verdanken.
Die Treppe wurde übrigens vor einigen Jahren renoviert. Sie ist ein beliebter Treffpunkt für das römische Volk, und vor allem auch für Touristen. Nach der Renovierung war es verboten, auf der Treppe zu essen oder zu trinken, es gab sogar Wärter, die gewissenhaft die Einhaltung dieser Regeln einforderten. Von den Wärtern war an diesem Sonntagvormittag jedoch nichts zu sehen. Und weil irgendetwas immer renoviert wird, ist der Obelisk bei unserem Besuch von einem Gerüst verdeckt.
Wenn man den Platz überquert, in Verlängerung der Treppe sozusagen, befindet sich eine beliebte Einkaufsstraße. Sie ist, wenn auch noch exklusiver, ein wenig mit der Kärntnerstraße zu vergleichen. In der Straße sind gleich nebeneinander die Geschäfte so ziemlich aller berühmten und teuren Designer angesiedelt. Eines muss man den Italienern lassen, sie sind schon sehr vernünftige Männern. Ja, richtig gehört, Männer. Sie haben nämlich Mitleid mit anderen Männern, vor allem mit jenen, die in Begleitung einer Frau unterwegs sind. Und so kommt es, dass die Geschäfte, wie es für ein katholisches Land gehört, am Sonntag nicht nur geschlossen sind, nein, auch die Gitter sind so konstruiert, dass man nicht in die Geschäfte hineinsehen kann. Das spart Zeit und Geduld, denn mit Fenstershopsn ist hier nichts. Wir gehen die Straße zwar ein Stückchen entlang, das dauert aber nicht sehr lange.
Wir gehen jetzt die Spanische Treppe hinauf, an der Kirche vorbei zum Pincio. Das ist wieder ein Hügel, aber keiner der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde, denn dieses Gebiet war zu dieser Zeit noch weit außerhalb Roms. Vom Hügel aus hat man eine beeindruckende Sicht über Rom. Dahinter erstreckt sich ein riesengroßer Park, in dem man einige Herrenvillen und Museen findet. Der Pincio ist für die Bevölkerung von Rom ungefähr das, was die Donauinsel für die Wiener ist: Ein Erholungsgebiet zum Ausruhen, Radfahren, Skaten usw. Weil dieses Gebiet eigentlich dem immer zunehmenden Verkehr in Rom im Weg war, wollte man es teilweise abreißen und Straßen bauen. Die Bevölkerung hat sich aber erfolgreich dagegen gewehrt, und das ist auch gut so. Schließlich wurden Tunnel in den Hügel gesprengt, in denen nun der Verkehr verläuft. Wir verbringen eine längere Zeit auf einer steinernen Parkbank, weil es hier sehr ruhig und vor allem schattig und durch eine leichte Brise auf dem Hügel angenehm kühl ist. Die Sonne brennt ja schon wieder runter wie nix. Eine Besichtigung der Museen wollen wir uns sparen, wir machen nur einen kleinen Spaziergang zum Zentrum des Parks, in dem sich ein kleiner, künstlich angelegter See befindet. Hier kann man sich ein Boot mieten und eine romantische Bootsrundfahrt auf dem idyllischen See machen. Ein kleines Problem ist nur, dass es schon ziemlich eng wird, wenn sich mehr als zehn Bote auf dem See befinden, und dass an den Rundern büschelweise grausliche Algen hängen, ist auch nicht gerade förderlich für das Aufkommen von Romantik bei der trauten Zweisamkeit.
Wir gehen, den Hügel runter, zum Piazza del Popolo. Das ist der größte Platz, den wir in Rom sehen. Mit Ausnahme des Petersplatzes natürlich, der befindet zwar in der gleichen Stadt, aber in einem anderen Staat. (Hier fällt mir noch ein, dass es beim Vatikan gar keine Grenzkontrollen gegeben hat, und auch Alkohol und Zigaretten darf man in unbegrenztem Umfang ein- und ausführen). Der Platz war, wenn man vom Norden her kam, früher das erste, das Romreisende, die über die Via Flaminia kamen, von der Stadt gesehen haben, dementsprechend prunkvoll sind auch das Tor und der Platz gestaltet. Vom Platz gehen, wie ein Dreizack, drei Straßen weg, die mittlere ist die Via del Corso, die direkt zum Piazza Venezia und somit zum Forum Romanum führt. In der Mitte des Platzes thront, wie sollte es anders sein, ein Obelisk. Wegen Renovierungsarbeiten hinter einem Gerüst, natürlich.
Jetzt weiter Richtung Vatikan, zur Engelsburg. Davor machen wir aber noch Halt am Piazza Navona, weil es dort in der Nähe ein gutes Eis gibt. Auch dieser Platz ist wieder sehr interessant. Hier stand zu Zeiten des antiken Roms ein Stadion. Auf den früheren Tribünen wurden Häuser gebaut, die Arena selbst wurde zum Marktplatz umfunktioniert. Der Platz hat auch gebäudemäßig einiges zu bieten. In der Mitte befindet sich ein Brunnen, Fontana die quattro fiumi, der Vierstrombrunnen. Vier Männer, die sich an den Ecken befinden, symbolisieren die großen Ströme der damals bekannten Welt. Der Brunnen wurde von, ganz richtig, Bernini erbaut. Direkt vor dem Brunnen die Kirche der Heiligen Agnes, von Borromini gestaltet. Anscheinend hat es da ein wenig Streit zwischen den beiden Architekten gegeben, denn beide wollten den Auftrag für die unbedingt haben, Borromini bekam den Zuschlag. Bernini durfte dafür den Brunnen bauen. Der war darüber ein wenig ziemlich verärgert und begann den Brunnenbau, noch vor der Errichtung der Kirche. Und dass Bernini auch ziemlich nachtragend war, sieht man heute daran, dass alle vier Figuren des Brunnens den Blick von der Kirche abwenden. Eine Legende erzählt auch, dass Borromini daraufhin die Statue der Heiligen Agnes von Rom so aufgestellt hat, dass sie am Brunnen vorbeiblickt, aber das lässt sich insofern widerlegen, als die Statue erst nach Borrominis Tod aufgestellt wurde.
Die Englesburg wurde im 2. Jahrhundert nach Christus errichtet und war Grabmal und Tempel für Kaiser Hadrian. Später wurden auch noch andere römische Kaiser, deren prominentester Vertreter wahrscheinlich Mark Aurel ist, dort bestattet. Später wurde ein Mauergang von der Engelsburg zum Vatikan errichtet, und die Burg wurde in Zeiten von Belagerung und Plünderung zum Zufluchtsort für den Papst. Die Engelsburg erlangte dann auch als Gefängnis und Folterkammer der Inquisition zweifelhaften Ruhm. Unter anderem waren dort Kaliber wie Galileo Galilei inhaftiert.
Musikinteressierte wissen natürlich auch, dass die Oper „Tosca“ von Puccini teilweise auf der Engelsburg handelt. Die Hauptdarstellerin der Oper stürzt sich von den Mauern der Burg in den Tod, was zwar sehr spektakulär klingt, eigentlich aber so nicht möglich ist. Denn in der Realität wäre sie nur auf einen Balkon gefallen und hätte sich maximal den Knöchel verstaucht, aber für eine Oper ist das zu wenig. Originell wäre gewesen, wenn sie von einem Obelisken, der auf dem Balkon steht, ausgespießt wird, aber das wäre für eine Oper dann wahrscheinlich zu blutig gewesen. Und woher bitte einen Obelisken nehmen?
Vom der Engelsburg hat man einen schönen Blick auf den Vatikan, direkt auf den Petersplatz. 1929 wurde der Vatikan als Staat eingerichtet, und als Zeichen der Versöhnung zwischen Kirche und Staat ließ Mussolini diese Straße, die Via della Conciliazione, Straße der Versöhnung, erbauen.
Es ist mittlerweile schon wieder Nachmittag, Zeit für eine Pause. Wir begeben uns auf die Suche nach einer Pizzeria. Schließlich finden wir in einer Seitenstraße ein gemütlich Restaurant mit gemütlichem Gastgarten, davor allerdings ein Schild mit der Aufschrift „Pizza 30m links“. Auch dort ein Lokal mit schönem Gastgarten, der jedoch der prallen Sonne ausgeliefert ist. Dort wollen wir auf keinen Fall sitzen. Margit will nur etwas essen, ich will auf jeden Fall eine Pizza. Also stehen wir ein wenig unschlüssig rum, bis ein Kellner aus dem ersten Lokal kommt und uns einen Platz anbietet. Wir lehnen dankend ab mit dem Hinweis, dass wir Pizza essen wollen. Das ist für den Kellner kein Problem, wir können im Schatten sitzen, und er holt die Pizza aus dem Nebenlokal. Ich vermute mal, dass die Besitzer der beiden Restaurants Cousins sind. So bleibt das Geld wenigstens in der Familie.
Im Judenviertel gibt’s noch einen wichtigen Brunnen, den Schildkrötenbrunnen. Der ist ganz witzig, weil Statuen von Männern Schildkröten zum Brunnen hinauf heben, damit diese trinken können. Vom Brunnen sehen wir aber leider nichts, weil er komplett verdeckt ist. Wird gerade renoviert. Aber zumindest ein Foto können wir und ansehen.
Eigentlich bin ich schon sehr müde, aber Margit erzählt mir schon seit drei Tagen, dass ich unbedingt die Kirche San Giovanni in Laterano sehen muss. Es kostet mich schon Überwindung, dort noch hinzufahren, zumal es am anderen Ende der Stadt ist, aber ich gebe mir einen Ruck, weil ich das Gefühl habe, dass es Margit sehr wichtig ist. Bisher hat sie ja mit all ihren Tipps Recht gehabt, also habe ich auch diesmal keinen Grund, an der Sehenswürdigkeit dieser Kirche zu zweifeln. San Giovanni in Laterano ist der ursprüngliche Papstsitz und daher nach dem Petersdom die wichtigste Kirche in Rom. Von außen sieht sie sehr schön aus, leider können wir nicht rein, da vor der Kirche ein Open Air Festival stattfindet und alles gesperrt ist. Da ganz in der Nähe wieder eine Kirche ist, sehen wir uns diese an. Sie ist natürlich auch wieder ganz wichtig. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Margit sich gerne Kirchen ansieht, aber ich darf ihr da wirklich nicht Unrecht tun, denn es zahlt sich aus, auch diese Kirche zu besuchen, auch wenn die Müdigkeit immer größer wird. Aber schließlich ist man nicht aller Tage in Rom, und da ist es schon gut, einen Antreiber zu haben, der einen den inneren Schweinehund überwinden lässt. Interessant an der Kirche ist, dass hier drei Kirchen übereinander gebaut wurden. Die unteren Teile sind aber leider schon geschlossen.
Im Salesianerhaus angekommen gehen wir gleich zu einem Pater und bezahlen die Zimmer. Da er keine Bestätigungsformulare hat, bittet er uns, am nächsten Morgen ins Büro zu gehen, dort können wir uns die Bestätigungen abholen. Margit trifft sich noch zum Pizzaessen mit Freunden (aha, deshalb wollte sie mittags keine Pizza), ich bin auch eingeladen, lehne aber ab, weil ich jetzt wirklich nicht mehr kann. Außerdem habe ich für die kommende Woche und die Bewerbungsgespräche noch einiges vorzubereiten. Zu wirklich viel komme ich aber nicht, da ich schon nach zwei Stunden so müde bin, dass ich ins Bett gehe.
Samstag, 1. Juli 2006
Rom - Tag 3
Die Sixtinische Kapelle ist in der Stadt!
Wie mir zu Ohren gekommen ist, gibt die Sixtinischen Kapelle ein Dauergastspiel in Rom, und obwohl ich, wie ja allgemein bekannt ist, nicht unbedingt auf Blasmusik stehe, kann ich mir das trotzdem nicht entgehen lassen. Margit ist wieder mit von der Partie, und wir besuchen zuerst, weil ja gleich ums Eck, den Petersplatz und den Petersdom.
Wir fahren erstmals mit der U-Bahn, und das ist gar nicht so kompliziert. Es gibt ja nur 2 Linien (eine blaue und eine rote, wie in Wien ist das für Analphabeten und Landeier ein einfaches, aber geniales Unterscheidungsmerkmal), und die kreuzen sich praktischerweise am Bahnhof. Mit der roten Linie, übrigens super klimatisiert, geht’s zur Station Otttaviano-San Pietro. Es ist wieder ururheiß, und schwitze wie ein Schweindl. Trotz der Befürchtung, dass mir ein Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in die Augen schießen wird, habe ich mich heute eingeschmiert, weil Margit am Vortag mit mir geschimpft hat.
Bei unserer Ankunft ein Schock: Ich sehe die Schlange, die sich um Tickets für die Sixtinische Kapelle anstellt. Ich fotografiere 2 Mauerlängen voller Leute. Lange Mauern. Und all diese Groupies stehen in der prallen Sonne und warten. Die Kapelle muss ja wirklich gut sein. Margit hat mich zwar schon gewarnt, dass man sich ca. eine Stunde anstellen muss, um an Tickets zu gelangen, aber diese Massen übertreffen meine schlimmsten Befürchtungen.
Zuerst aber an der Schlange vorbei zum Petersplatz. Ein riesiger Platz, richtig schön aufgeheizt von der Sonne, erstreckt sich vor uns. Oval, 300 irgendwas Meter lang und 200 irgendwas Meter breit. In der Mitte ein riesiger Obelisk, links und rechts davon jeweils ein Brunnen. Am Anfang stand dort nur ein Brunnen, aber weil ja alles schön symmetrisch sein muss, wurde der zweite ein paar Jahrzehnte danach noch hinzugefügt. Für ganz Rom gilt, dass ein Großteil der Werke entweder von Bernini oder Michelangelo sind, und so auch der Vatikan. Bernini hat sich diesmal aber besonders angestrengt und auch noch ein paar kleine Features in den Platz eingebaut, die informierte Besucher auch heute noch in staunen versetzen. Der Platz ist zu zwei Seiten von Säulenhallen umgeben. 284 Säulen, jede ca. 15 Meter hoch, jeweils 4 Säulen hintereinander. Und jetzt kommt der Trick: Bernini war in Mathe nämlich ein ziemliches Genie, ungefähr so wie der Datterl Karl. Und weil er so ein Wiffzack war, hat er es auch geschafft, die Brennpunkte des ellipsenförmigen Platzes auszurechnen. Wenn man nämlich genau im Brennpunkt steht, wirkt es nämlich, als wenn es nicht 4 Säulen wären, sondern nur eine! Und weil Bernini kein egozentrisches Arschloch war und genau wusste, dass es auch in zukünftigen Zeiten für Normalsterbliche nicht möglich sein würde, die Brennpunkte einer Ellipse selbst zu berechnen, war er so nett und hat an den Brennpunkte Marmortafeln in den Platz einbauen lassen, sodass nicht alle Leute wie die Hendln auf dem Platz herumlaufen und sich einen Sonnenstich holen. Außerdem hätte es dem Papst sicher nicht gefallen, wenn in der Kirche dann lauter Leute sitzen, die wirres Zeug schwafeln.
Auf den Säulen drauf stehen rundherum noch 140 Heiligenstatuen, jede über 3 Meter hoch, von Bernini in Rekordzeit, quasi wie am Fließband, produziert. Manche Statuen gibt’s zwar doppelt, eine Leistung wars aber allemal.
Wahrscheinlich werden sich jetzt viele denken: „Na was der Steve nicht alles über Rom weiß!“. Natürlich weiß ich viel über Rom, und ich gebe auch gerne mit diesem Wissen an. Ich muss aber dazu sagen, dass ich dieses Wissen der lieben Margit und dem schlauen Rombüchlein, das sie ständig bei sich trägt, verdanke. Irgendwie ist das Ganze mit Margit noch interessanter. Ich meine jetzt abgesehen davon, dass mir weibliche Begleitung ja nie unbedingt zuwider ist. Frauen sind ja in meinen Augen…
… ich merke, dass ich schon wieder abschweife. Wir stehen also auf dem Petersplatz vor dem Petersdom. Um dort hinein zu gelangen, kommt man nicht um Metalldetektoren herum. Wir stellen uns an, lassen unser Gepäck durchsuchen und geben es dann an der Garderobe ab. Ja, man höre und staune: da haben die in die berühmtesten Kirche der Welt doch glatt eine Garderobe eingebaut! Noch dazu gratis zu benützen. Wir betreten den Petersdom, und es eröffnet sich ein überwältigender Blick. Normalerweise schaue ich mir ja gar nicht gerne Kirchen an, weil das eh immer das Gleiche ist, aber in Rom ist das anders. Die Kirchen sind einfach lässig, weil es immer etwas Besonderes zu sehen gibt. Der Petersdom ist da natürlich das beste Beispiel, und er ist wirklich auch für Leute interessant, die mit Kirchen gar nix am Hut haben. Ich bin davon überzeugt, in diese Kirche würde auch meine Schwester freiwillig gehen, sogar ohne persönliche Einladung vom Papst. Der gute Benedikt dürfte sich übrigens auf Urlaub befunden haben, denn obwohl wir den ganzen Tag im Vatikan waren, ist er uns nicht über den Weg gelaufen.
Päpste waren in den vergangenen Jahrhunderten übrigens nicht so brave Leute wie heute. Damals war der Kirchenstaat noch einflussreich und der Papst eine Autorität. Da fällt mir ja gleich noch eine super Geschichte ein. Gehen wir ein wenig zurück auf den Petersplatz (aber bitte nur in Gedanken, denn draußen ist es immer noch schweineheiß!), zum Obelisken. Auch früher war es schon modern, Reiseandenken mit nachhause zu bringen. Und reiche Leute bringen halt größere Sachen mit, damit sie ihren Reichtum auch zeigen können. Bei Pyramiden wäre der Transport schon einigermaßen kompliziert gewesen, aber den Transport von Obelisken konnte man sich gerade noch vorstellen. Besagter Obelisk wurde von Kaiser Caligula von Alexandria nach Rom gebracht. 25 Meter hoch, 300 Tonnen schwer. Eigentlich ist er ursprünglich an einer anderen Stelle gestanden, aber ein paar Jahrhunderte später hat sich ein Papst gedacht, dass das doch ein würdiger Aufputz für den Petersplatz wäre. Das Problem war nur der Transport. Aber wenn der alte Caligula das hingekriegt hat, warum sollten sie das dann nicht auch schaffen? Also wurde kurzerhand ein Wettbewerb ausgerufen, der regen Zuspruch fand. Das Problem war nur, dass man die Hälfte der Einsendungen gleich wieder schmeißen konnte, da sie auf Beschwörungen und Gebeten basierten. Der Papst hat sich zwar sicher über die Frömmlichkeit seiner Schäfchen gefreut, wollte sich dann aber auch nicht nur auf Gebete und den guten Willen verlassen, vor allem nicht bei einem 300 Tonnen Obelisken. Gut, nach einiger Zeit waren genug brauchbare Vorschläge eingebracht, und ein Architekt wurde mit dem Transport beauftragt. Und weil das für die damalige Zeit als eine große Sache und herausragende Leistung betrachtet wurde, hat er auch gleich ein Buch geschrieben, in dem er diese seine Leistung würdigt. Langer Rede kurzer Sinn, am Ende wurde dann der Stein mittels komplizierter Flaschenzüge mit Hilfe von 900 Männern (ob auch Frauen dabei waren, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, aber wenn es jemandem ein Anliegen ist, bleibe ich gerne an der Sache dran) und 150 Pferden konnte der Obelisk dann transportiert werden. Hier kommen wir wieder zur Autorität des Papstes. Damit dem wertvollen Stück beim Transport nur ja nix passiert, verfügte er, dass absolutes Stillschweigen zu herrschen habe, damit die Konzentration nicht flöten geht. Man stelle sich nur vor, wenn da einer mit der Zunge schnalzt und plötzlich die Pferde durchgehen… nicht auszudenken. Absolutes Stillschweigen also, wer dagegen verstößt – Kopf ab, kein Spaß! Das ganze Unternehmen ging auch eine ganze Zeit lang gut, und bis auf ein wenig Stöhnen und Gewieher (die Pferde hatten das mit der absoluten Stille anscheinend nicht so 100%ig kapiert, aber sie deswegen gleich zu köpfen, wäre doch ein wenig zu mafiamäßig gewesen, in einer Zeit, in der es die Mafia in diesem Sinne ja noch gar nicht gab) war eigentlich wenig zu hören. Doch handelte es sich hier nur um die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Einer der Arbeiter, der nebenbei bei der freiwilligen Feuerwehr war, hat es als erster bemerkt: die Seile begannen aufgrund der Reibung (und der schon damals starken Temperaturen auf dem Petersplatz) zu brennen. Noch war es nicht so weit, aber ein bisserl geraucht hat es schon. Als Feuerwehrmann hat er das natürlich sofort gecheckt, doch gleichzeitig wurde dem Armen auch bewusst, in welcher Zwickmühle er sich plötzlich befand. Er konnte das Maul aufreißen und alle warnen, aber sich die Birne wegen eines blödes Steins abhacken zu lassen war eigentlich keine rosige Aussicht, zumal er eine Familie zuhause hatte, die versorgt werden musste. Und wenn sie Dir zur Strafe den Kopf abhacken steigt auch jede Lebensversicherung aus, das war schon damals so. Außerdem würde er ja als erster bemerken, wenn die Seile durchbrennen, er könnte also bequem zur Seite springen und sein Leben retten. Auf der anderen Seite war der Papst aber ein heiliger Mann, und spätestens beim jüngsten Gericht wäre die ganze Sache aufgeflogen. Also beschloss der brave Katholik, zum Wohle der übrigen Arbeiter, zur Befriedigung der Wünsche des Papstes und nicht zuletzt zum Schutze des Steins, den Märtyrertod zu sterben. Also schrie er laut los und warnte seine Kollegen. Rechtzeitig konnten die Seile gekühlt und die Säule (darf man zu einem Obelisken eigentlich Säule sagen?) auf den für sie bestimmten Platz gehievt werden, wo sie noch heute steht. Und hier sind wir wieder bei der Autorität des Papstes angelangt. Denn nicht, weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, denn immerhin hätte der Obelisk dem Papst ja auf den Schädel fallen können (man stelle sich die Schlagzeile in der Kronenzeitung vor: „Papst von eigenem Größenwahn erschlagen!“), nein, nur der Milde des Heiligen Vaters war es zu verdanken, dass der aufmerksame Feuerwehrmann begnadigt wurde und seinen Kopf behalten durfte! Tja, damals wurden päpstliche Anordnungen halt noch wirklich ernst genommen (vor allem, wenn der eigene Kopf davon abhing).
Für alle, die jetzt leicht eingenickt sind: wir befinden uns immer noch im Petersdom. Wirklich beeindruckend, was man da so alles findet. Und natürlich dreht sich auch hier drinnen alles um die Herrlichkeit und den Größenwahn früherer Päpste. Diese stammten ja oft aus bekannten und reichen Familien, und ebendiesen waren sie auch sehr verbunden. Deshalb hat sich die Tradition entwickelt, dass die Päpste sich und ihre Familien (oder zumindest einzelne Personen daraus) im Dom selbst Denkmäler setzen. Das haben sie natürlich nicht selbst gemacht, sondern sie haben Künstler damit beauftragt. Damals ging es den Künstlern noch besser als heute, denn die Werke, die sie schufen, waren wirkliche Kunst, und keine Schmierereien wie heute. Trotzdem konnte es sich auch zu dieser Zeit keiner leisten, dem Papst etwas zu schenken. Es musste also Kohle her. Als Papst ist man da ja in einer relativ guten Position. Die ganzen Steine kann man ja vom Kolosseum holen, das ist gutes, aber billiges Material. Vom Pantheon, das einem ohnehin ein Dorn im Auge ist, weil es heidnisches Gebäude ist, nimmt man einfach die Goldverzierungen. Und für die Bezahlung der Künstler erhöhen wir halt mal schnell die Kirchensteuer. Alles in allem ein logischer Plan, denn so kann man Geld sparen. Zumindest das der eigenen Familie. Und so kommt es, dass man im Petersdom jede Menge Skurrilitäten findet.
Früher ging’s ja auch bei den Priestern noch so richtig zu, Zölibat gab’s ja noch keines. So hat sich zum Beispiel ein Papst hohes Tier in der Kirche einen Sarg anfertigen lassen, der zu jedem Eck von einer seiner 4 Konkubinen geziert wird, die noch dazu völlig nackig sind. Zwei davon sind auch jetzt noch zu bewundern, allerdings hat sich ein späterer Papst am Anblick der holden Weiblichkeit gestoßen und daher verfügt, dass die heiklen Stellen bedeckt wurden. Ganz interessant ist auch der Papstaltar, auf dem, wie der Name ja schon vermuten lässt, nur der Papst zelebrieren darf. Ein früherer Papst, der offensichtlich auch eine starke Bindung zu seiner Familie verspürte, und dessen Lieblingsnichte lange kinderlos geblieben war, hat sich so narrisch gefreut, als diese dann doch ein Kind gebar, dass er diese Geschichte am Altar verewigt hat.
Die Kuppel des Petersdoms ist auch etwas ganz Besonderes. Damit alle wissen, wer hier der Chef ist, sollte es die größte Kuppel in der Stadt werden, größer noch als die Kuppel des Pantheon. Trotz aller Anstrengungen konnte dieses Vorhaben aber nicht verwirklicht werden, die Kuppel ist zwar höher geworden, den Durchmesser des Pantheon konnte selbst Michaelangelo nicht erreichen, das verdammte Ding drohte einfach immer wieder, einzustürzen. Man musste sich also einem heidnischen Bauwerk geschlagen geben. Aber dumm waren die Leute ja damals auch nicht, also wurde der Pantheon einfach zu einer katholischen Kirche umfunktioniert.
Erwähnenswert natürlich auch, dass rund um das Mittelschiff Statuen von Ordensgründern stehen. Ganz vorne rechts, also in nächster Nähe zum Papst, haben wir auch eine Statue vom Chefe gefunden. Vom Petersdom gäbe es sicherlich noch viel zu erzählen, aber mehr habe ich mir einfach nicht merken können.
Nach dem Petersdom gibt’s gleich wieder ein Schmankerl, das eigentlich allen anderen Besuchern entgangen ist, nämlich den deutschen Friedhof. Wieso der gleich neben dem Petersdom ist, habe ich mir auch nicht gemerkt, aber der kleine Friedhof ist ein wunderschönes, mit prächtigen Blumen und Bäumen bewachsenes Fleckchen, ein richtig lauschiges Plätzchen inmitten des ganzen Trubels.
Ich weiß, nun warten schon alle auf den großen Höhepunkt. Bevor wir dorthin kommen, heißt es aber noch anstellen. Weil Margit die Sixtinische Kapelle schon kennt und sich nicht in der Hitze anstellen will, geht sie lieber einkaufen. Ich muss mir das ansehen, wenn ich schon mal dort bin, auch wenn ich mich da eigentlich wirklich nicht anstellen möchte. Ich stehe also in der Schlange und warte. Die Wartezeit wird einem dabei sehr kurzweilig gestaltet. Überall entlang der Mauern haben sich vorwiegend schwarze Händler niedergelassen, die ihre Ware feilbieten. Überall gibt es Prada Taschen, Dolce & Gabana Gürtel und Chanel Sonnenbrillen zu Sonderpreisen, aber garantiert echt, wie mir die Händler immer wieder versichern. Echt nett, dass die das so günstig verkaufen, irgendetwas muss ja billig sein, wenn schon das Bier so teuer ist. Ich sehe mir gerade ein wirklich nettes Prada Täschchen an, als plötzlich aus heiterem Himmel (der war nicht nur heiter, sondern absolut wolkenlos!) alle Händler gleichzeitig auf Mittagspause gehen wollen und hastig ihre Sachen packen. Als ich ein Auto der Finanzbehörde sehe, kommen in mir ernsthafte Zweifel auf, ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Leute von der Finanzbehörde sind aber im Prinzip ganz nett. Ein junger Verkäufer steht mit dem Rücken zur Straße und ist zudem gerade damit beschäftigt, wie wild auf einen möglichen Käufer einzureden. Die Finanzbeamten bleiben mit dem Auto hinter ihm stehen, aber auszusteigen halten sie nicht für nötig. Der Beamte auf dem Beifahrersitz streckt seine Signalkelle aus dem Fenster und klopft damit an die Autotür. Als der Verkäufer endlich bemerkt, dass diese Geräusche ihm gelten, packt auch er hastig seine Waren, hebt noch die Hand zum Gruß in Richtung der Finanzbeamten, ruft „Sorry!“ und verschwindet auch auf die andere Straßenseite. Als das Auto um die Ecke biegt, kommen wieder alle zur Mauer und beginnen, ihre Waren wieder aufzulegen.
Nach einer halben Stunde habe ich es endlich geschafft, die 2. Mauerlänge ist fast geschafft, das Ziel ist nahe. Und das viel schneller als erwartet. Doch nach der nächsten Ecke der große Schock: hinter der Ecke ist nicht gleich der Eingang, wie Margit mir das erzählt hat, sondern die Warteschlange erstreckt sich noch einmal über 2 Mauerlängen. Es stellt sich heraus, dass die Schlange alles in allem ca. 750 Meter lang ist. Nach einer Stunde erreiche ich dann doch endlich den Eingang, jetzt kanns losgehen. Ich betrete die Vatikanischen Museen, wo die Kirchenväter im Laufe der Jahrhunderte jede Menge Kunstschätze zusammengetragen haben. Ich gehe ein wenig durch die Räumlichkeiten, sehe mit die Zimmer an, die Raffael aufgemalt hat, und warte eigentlich nur auf das Grande Finale. Und ich muss schon sagen, wenn man da reinkommt, haut es einen wirklich um. Bei der Sixtinischen Kapelle gibt’s keine Coverversionen, nur die besten Originale! Man darf drinnen eigentlich nicht fotografieren, aber als ich die Kapelle betrete, wimmelt es nur so von Leuten, und alle fotografieren. Die völlig überforderten und entnervten Kapellmeister winken verzweifelt und resignierend mit den Händen und rufen „no photos“ in die Menge. Kümmern tut das keinen. Ich hingegen halte mich natürlich streng an die Vorschriften.
Im Film „Good Will Hunting“ wirft der Psychologe Robin Williams Will Hunting sinngemäß vor, dass dieser all sein Wissen nur in der Theorie aus Büchern kenne, und jedes einzelne Bild in der Sixtinischen Kapelle erklären könne. Ihm fehle es aber an Gefühl, und so wisse er zum Beispiel nicht, wonach es in der Kapelle riecht. Nun, ich kann Euch sehr wohl sagen, wonach es in der Sixtinischen Kapelle riecht: es stinkt nach Schweiß und sonstigen Aussonderungen von Touristen.
Die Geschichte der Kapelle ist natürlich auch wieder ganz interessant. Die Decke und die gesamte vordere Breitseite sind from the master himself, Micheangelo. Eigentlich war es gar nicht geplant, dass Michelangelo den Auftrag für die Decke bekommt. Doch neidische Künstlerkollegen haben den Papst so lange aufgestichelt, bis er ihm den Auftrag angetragen hat. Natürlich wollten die Kollegen dem Meister damit keinen Gefallen tun, sondern haben vielmehr gehofft, dass sich der alte Sack mit diesem Auftrag übernimmt, sich zum Gespött macht und nebenbei noch beim Papst in Ungnade fällt. Michelangelo hat sich da natürlich nicht foppen lassen und das gemeine Spiel gleich durchschaut. Er wollte den Auftrag nicht annehmen. Schließlich hat man sich dann darauf geeinigt, dass Michelangelo den Auftrag doch annimmt, denn zu dieser Zeit hat auch ein Michelangelo zum Papst nicht einfach nein gesagt. Schließlich wollte er seinen Kopf noch eine Weile behalten. Nach über 8 Jahren Pinselei ist Michelangelo schon dem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, aber am Ende mussten seine Kollegen erkennen, dass sie ihm und der Menschheit mit ihrer Missgunst einen großen Gefallen getan haben. Sie haben es ihm ermöglichst, das wahrscheinlich größte, schönste und coolste Kunstwerk aller Zeiten zu erschaffen. Ich möchte jetzt sicher nicht hören, dass die Mona Lisa das berühmteste und beste Kunstwerk aller Zeiten ist, denn ich habe die Mona Lisa gesehen, und sie ist nur ein mickriger kleiner Fetzen, der zwischen vielen weiteren unbedeutenden Fetzen im Louvre hängt und den man nur erkennt, weil Panzerglas darüber ist und tausend Leute versuchen, durch dieses Glas zu fotografieren, durch das mal auch ohne Kamera schon kaum sieht. Echt enttäuschend. Auf jeden Fall steht man in der Sixtinischen Kapelle und kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Eigentlich kann man dieses Werk nicht beschreiben, es ist einfach nur wunderschön. Auch für Menschen wie mich, die mit Kunst sonst nicht so viel am Hut haben. Und wenn man da so unten steht und nach oben schaut, schießen einem glatt die Tränen in die Augen. Mir natürlich nicht, aber allen anderen. Im Übrigen stimmt es gar nicht, dass Michelangelo das Ganze im Liegen gemalt hat, er hat es im Stehen gemalt und sich ein steifes Genick und einen Buckel geholt.
Michelangelo hat dann auch noch eine Breitseite von 40m² gestaltet, das Bild zeigt das jüngste Gericht. Auf das ist ein wunderschönes Werk. Die ganze Kapelle wurde vor einigen Jahren in mühevoller Kleinarbeit renoviert, die Renovierungsarbeiten dauerten 11 Jahre, länger als Michelangelo dafür gebraucht hat. Zum Vorschein kamen dabei ganz neue Farben und ein Stil Michelangelos, der es nötig machte, seinen Stil in den Kunstbüchern ganz neu zu beschreiben. Zum Vergleich wurden einige Stellen bei der Renovierung ausgelassen, damit man den Unterschied nachvollziehen kann. Finanziert wurde die Renovierung für etliche Millionen vom japanischen Fernsehen, das dafür die Exklusivrechte für die Dokumentation der Arbeiten bekam. Bei den Arbeiten wurde nichts nachgezeichnet oder nachgefärbt, das Ganze wurde vielmehr in mühevoller Kleinarbeit von Experten quadratmillimeterweise vom jahrhundertealten Dreck befreit.
Als ich hinausgehe bin ich froh, dass ich mir das lange Warten angetan habe, ich hätte mich wirklich in den Allerwertesten gebissen, wenn ich das versäumt hätte. Im Nachhinein betrachten war die Wartezeit gar nicht so lange, und im Endeffekt hat das lange Hinarbeiten auf den Höhepunkt die ganze Sache noch schöner gemacht.
Ich treffe mich mit Margit wieder in der Unterkunft, die vom shopsen auch ganz fertig ist. Dabei hat sie die Klapperl, die sie gesucht hat, gar nicht gefunden. Wir wollen wieder zum Fußball. Eigentlich will ja ich mehr zum Fußball, Margit reicht es, ein Spiel zusehen. Ich glaube, sie kennt sich im Fußball nicht wirklich aus, daher ist es noch verwundernder, wie geduldig und interessiert sie zusieht und immer nachfragt, warum denn der Schiedsrichter jetzt ein Foul gepfiffen hat. Auch die Abseitsregeln versuche ich ihr zu erklären, aber nur die Basics, denn ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich selbst mit den ganzen neuen Bestimmungen beim Abseits nicht zurecht kommen. Das ist doch hirnrissig! Auf jeden Fall will Margit Beckham sehen. Aber nicht, weil sie eine der Tussn ist, die sich Fußball wegen der feschen Fußballer ansehen, sondern weil alle immer von ihm sprechen und sie ihn noch nie gesehen hat. Kein großer Verlust, wenn man mich fragt. Er ist zweifellos einer der am meisten überschätzten Fußballer. Wir gehen zum Campo de’ Fiori, einem der Hauptplätze in Rom. Wir sehen ein super Lokal mit Gastgarten, heraußen ein Flachbildschirm. Im Garten sitzen schon einige Brasilianer und warten auf das Abendspiel. Hmm, hier könnte man sicher rauchen, aber die Sonne brennt dermaßen auf den ungeschützten Garten, dass man es erstens nicht aushält, zweitens ist bei diesem grellen Licht die Sicht auf dem Flachbildschirm nicht wirklich gut. Wir gehen also ein paar Meter weiter zu einem Pub, in dem schon eine Menge Engländer sitzen. Das Spiel hat soeben begonnen, und wir ergattern noch einen Platz an der Bar. Auch ein paar Portugiesen sind da, aber nicht sehr viele. Englische Fußballfans haben ja den Ruf, dass sie schon vor dem Spiel völlig besoffen sind, herumgrölen und randalieren. Nicht so hier. Die meisten haben ihre Freundinnen mit, einige der Mädchen sind sogar alleine da. Und so kommt es, dass es hin und wieder, wenn Beckham im Bild ist, zu grellen Aufschreien kommt. Wir waren gerade noch rechtzeitig da, denn nach unserer Ankunft füllt sich die Bar immer mehr. In Rom gibt es nicht so viele Lokale, die auch schon die Nachmittagsspiele übertragen. Margit sieht sich mit mir die erste Halbzeit an und geht dann noch ein wenig einkaufen, wegen der Klapperl. Rechtzeitig zum Elferschießen ist sie wieder da, die Enttäuschung über die Niederlage ist groß.
Mir fällt ein, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Margit will sich wieder mit Freunden aus ihrer Studienzeit treffen, und ich mache mich auf dem Weg zum Brasilianerlokal, das jetzt wunderbar im Schatten liegt. Ich bin auch so zeitig dran, dass ich noch einen guten Platz bekomme. Das Lokal füllt sich langsam mit Brasilianern, die singend und tanzend einziehen und sich untereinander anscheinend alle kennen. Alle natürlich in den brasilianischen Nationalfarben. Ein kleiner Junge, ich schätze ihn auf ca. 13 Jahre, steht auf der Straße neben dem Lokal. Er hat ein kleines Wagerl mit einem Kassettenrekorder, aus dem Musik kommt. Dazu spielt er, und das gar nicht schlecht, unter Jubel der brasilianischen Fans, auf seiner Geige. Die Begeisterung erreicht einen ersten Höhepunkt, alle hüpfen herum und stimmen Fußballlieder an. Es wird getanzt, dass es sich bei der Musik um den ungarischen Tanz handelt, scheint keinen zu stören. Die Preise im Lokal sind ein Wahnsinn, 6 Euro für das Lackerl Bier, von den Speisen gar nicht zu sprechen. Ich bestelle mir Pasta, die auf der Karte als Vorspeise geführt wird. Mehr als zwei Bissen sind es dann auch nicht, aber nachdem ich 13 Euro dafür bezahlt habe, habe ich plötzlich keinen Hunger mehr. Auch hier das gleiche Phänomen wie in der vorigen Bar, immer mehr Leute kommen, sie stehen reihenweise hinter dem Gastgarten und beobachten das Spiel. Immer wieder Schlachtgesänge. In der Zwischenzeit haben sich auch ein paar Franzosen dazu gesellt und schwingen ihre Fahnen. Sonst sind sie aber ob der brasilianischen Überzahl ziemlich kleinlaut. Neben mich setzt sich ein Italiener. Er ist 40 Jahre und hat einen klingenden Namen, den ich trotzdem vergessen habe. Er legt seinen französischen Reisepass auf den Tisch. Er erzählt mir, dass er sich das Spiel eigentlich in der französischen Botschaft ansehen wollte, aber aus irgendeinem Grund, den ich mir schon gut vorstellen kann, ihm hingegen völlig unklar blieb, machte ihm keiner auf. Also hat er sich einen Sessel geschnappt und neben mich gedrängt, der einzige Platz, der noch frei war. Mich stört das ja nicht. Und obwohl ich gelernt habe, dass man nicht mit Fremden spricht, werde ich doch ein wenig neugierig. Es stellt sich heraus, dass der Italiener nicht nut Italiener, sondern auch Franzose ist. Mutter Französin, Vater Italiener. Er arbeitet für die UNO, ist schon viel auf der Welt gekommen und war vor kurzem auch in Wien. Er hat sich für eine Stelle bei der Atombehörde der UNO beworben. Seine Frau ist Französin und besucht gerade ihre Familie in Frankreich. Das gibt ihm die Gelegenheit, von all den knapp bekleideten Brasilianerinnen zu schwärmen. Die schönsten Frauen der Welt. Vor ein paar Wochen war er auch in Rio.
Nach dem Spiel (und dem Sieg der Franzosen) ist die Hölle los. Die Brasilianer sind plötzlich stumm, dafür tönt die Marseilleise über den römischen Hauptplatz. Die Leute tanzen ausgelassen auf dem Platz. Ich habe zu Brasilien geholfen, nach England schon die zweite Enttäuschung am heutigen Tag. Die französische Hymne gefällt mir trotzdem besser, weil ich da auch ein wenig mitsingen kann. Zu lange kann ich aber nicht feiern, denn ich will ja nicht auf der Straße schlafen. Gott sei Dank hat es diesmal keine Verlängerung gegeben, denn sonst wäre ich nicht mehr rechtzeitig nachhause gekommen. Bin ich eigentlich auch so nicht, denn der einzige Bus, von dem ich die Fahrtroute kenne, fährt mir vor der Nase weg. Und die Anzeigetafel an der Busstation hilft mir auch nicht weiter, da steht nur ein Schild mit der Aufschrift „tutte le direzzione“, alle Richtungen. Die Italiener sind wirklich ein komisches Volk, denn auch wenn bei der Station alle Linien vorbeikommen, hätte ich doch schon recht gerne gewusst, welcher in meine Richtung fährt. Und was bisher eigentlich kein Problem war, wird plötzlich zu einem, ich finde nämlich keinen Italiener, der englisch spricht. Also muss ich mein letztes Italienisch auspacken, um mir den Weg nachhause zu erfragen. Das dauert ein wenig. Ich komme nach halb zwölf an, trotzdem ist der Portier noch da.
Für mich geht es aber noch nicht ins Bett, denn die Ereignisse der letzten Tage haben mich so beeindruckt, dass ich das unbedingte Bedürfnis verspüre, das alles niederzuschreiben. Also starte ich noch meinen Laptop und beginne, dieses Tagebuch zu schreiben, bis spät in die Nacht. Trotzdem schaffe ich es nicht, den Bericht für die ersten drei Tage komplett fertig zu stellen.
Wie mir zu Ohren gekommen ist, gibt die Sixtinischen Kapelle ein Dauergastspiel in Rom, und obwohl ich, wie ja allgemein bekannt ist, nicht unbedingt auf Blasmusik stehe, kann ich mir das trotzdem nicht entgehen lassen. Margit ist wieder mit von der Partie, und wir besuchen zuerst, weil ja gleich ums Eck, den Petersplatz und den Petersdom.
Wir fahren erstmals mit der U-Bahn, und das ist gar nicht so kompliziert. Es gibt ja nur 2 Linien (eine blaue und eine rote, wie in Wien ist das für Analphabeten und Landeier ein einfaches, aber geniales Unterscheidungsmerkmal), und die kreuzen sich praktischerweise am Bahnhof. Mit der roten Linie, übrigens super klimatisiert, geht’s zur Station Otttaviano-San Pietro. Es ist wieder ururheiß, und schwitze wie ein Schweindl. Trotz der Befürchtung, dass mir ein Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in die Augen schießen wird, habe ich mich heute eingeschmiert, weil Margit am Vortag mit mir geschimpft hat.
Bei unserer Ankunft ein Schock: Ich sehe die Schlange, die sich um Tickets für die Sixtinische Kapelle anstellt. Ich fotografiere 2 Mauerlängen voller Leute. Lange Mauern. Und all diese Groupies stehen in der prallen Sonne und warten. Die Kapelle muss ja wirklich gut sein. Margit hat mich zwar schon gewarnt, dass man sich ca. eine Stunde anstellen muss, um an Tickets zu gelangen, aber diese Massen übertreffen meine schlimmsten Befürchtungen.
Zuerst aber an der Schlange vorbei zum Petersplatz. Ein riesiger Platz, richtig schön aufgeheizt von der Sonne, erstreckt sich vor uns. Oval, 300 irgendwas Meter lang und 200 irgendwas Meter breit. In der Mitte ein riesiger Obelisk, links und rechts davon jeweils ein Brunnen. Am Anfang stand dort nur ein Brunnen, aber weil ja alles schön symmetrisch sein muss, wurde der zweite ein paar Jahrzehnte danach noch hinzugefügt. Für ganz Rom gilt, dass ein Großteil der Werke entweder von Bernini oder Michelangelo sind, und so auch der Vatikan. Bernini hat sich diesmal aber besonders angestrengt und auch noch ein paar kleine Features in den Platz eingebaut, die informierte Besucher auch heute noch in staunen versetzen. Der Platz ist zu zwei Seiten von Säulenhallen umgeben. 284 Säulen, jede ca. 15 Meter hoch, jeweils 4 Säulen hintereinander. Und jetzt kommt der Trick: Bernini war in Mathe nämlich ein ziemliches Genie, ungefähr so wie der Datterl Karl. Und weil er so ein Wiffzack war, hat er es auch geschafft, die Brennpunkte des ellipsenförmigen Platzes auszurechnen. Wenn man nämlich genau im Brennpunkt steht, wirkt es nämlich, als wenn es nicht 4 Säulen wären, sondern nur eine! Und weil Bernini kein egozentrisches Arschloch war und genau wusste, dass es auch in zukünftigen Zeiten für Normalsterbliche nicht möglich sein würde, die Brennpunkte einer Ellipse selbst zu berechnen, war er so nett und hat an den Brennpunkte Marmortafeln in den Platz einbauen lassen, sodass nicht alle Leute wie die Hendln auf dem Platz herumlaufen und sich einen Sonnenstich holen. Außerdem hätte es dem Papst sicher nicht gefallen, wenn in der Kirche dann lauter Leute sitzen, die wirres Zeug schwafeln.
Auf den Säulen drauf stehen rundherum noch 140 Heiligenstatuen, jede über 3 Meter hoch, von Bernini in Rekordzeit, quasi wie am Fließband, produziert. Manche Statuen gibt’s zwar doppelt, eine Leistung wars aber allemal.
Wahrscheinlich werden sich jetzt viele denken: „Na was der Steve nicht alles über Rom weiß!“. Natürlich weiß ich viel über Rom, und ich gebe auch gerne mit diesem Wissen an. Ich muss aber dazu sagen, dass ich dieses Wissen der lieben Margit und dem schlauen Rombüchlein, das sie ständig bei sich trägt, verdanke. Irgendwie ist das Ganze mit Margit noch interessanter. Ich meine jetzt abgesehen davon, dass mir weibliche Begleitung ja nie unbedingt zuwider ist. Frauen sind ja in meinen Augen…
… ich merke, dass ich schon wieder abschweife. Wir stehen also auf dem Petersplatz vor dem Petersdom. Um dort hinein zu gelangen, kommt man nicht um Metalldetektoren herum. Wir stellen uns an, lassen unser Gepäck durchsuchen und geben es dann an der Garderobe ab. Ja, man höre und staune: da haben die in die berühmtesten Kirche der Welt doch glatt eine Garderobe eingebaut! Noch dazu gratis zu benützen. Wir betreten den Petersdom, und es eröffnet sich ein überwältigender Blick. Normalerweise schaue ich mir ja gar nicht gerne Kirchen an, weil das eh immer das Gleiche ist, aber in Rom ist das anders. Die Kirchen sind einfach lässig, weil es immer etwas Besonderes zu sehen gibt. Der Petersdom ist da natürlich das beste Beispiel, und er ist wirklich auch für Leute interessant, die mit Kirchen gar nix am Hut haben. Ich bin davon überzeugt, in diese Kirche würde auch meine Schwester freiwillig gehen, sogar ohne persönliche Einladung vom Papst. Der gute Benedikt dürfte sich übrigens auf Urlaub befunden haben, denn obwohl wir den ganzen Tag im Vatikan waren, ist er uns nicht über den Weg gelaufen.
Päpste waren in den vergangenen Jahrhunderten übrigens nicht so brave Leute wie heute. Damals war der Kirchenstaat noch einflussreich und der Papst eine Autorität. Da fällt mir ja gleich noch eine super Geschichte ein. Gehen wir ein wenig zurück auf den Petersplatz (aber bitte nur in Gedanken, denn draußen ist es immer noch schweineheiß!), zum Obelisken. Auch früher war es schon modern, Reiseandenken mit nachhause zu bringen. Und reiche Leute bringen halt größere Sachen mit, damit sie ihren Reichtum auch zeigen können. Bei Pyramiden wäre der Transport schon einigermaßen kompliziert gewesen, aber den Transport von Obelisken konnte man sich gerade noch vorstellen. Besagter Obelisk wurde von Kaiser Caligula von Alexandria nach Rom gebracht. 25 Meter hoch, 300 Tonnen schwer. Eigentlich ist er ursprünglich an einer anderen Stelle gestanden, aber ein paar Jahrhunderte später hat sich ein Papst gedacht, dass das doch ein würdiger Aufputz für den Petersplatz wäre. Das Problem war nur der Transport. Aber wenn der alte Caligula das hingekriegt hat, warum sollten sie das dann nicht auch schaffen? Also wurde kurzerhand ein Wettbewerb ausgerufen, der regen Zuspruch fand. Das Problem war nur, dass man die Hälfte der Einsendungen gleich wieder schmeißen konnte, da sie auf Beschwörungen und Gebeten basierten. Der Papst hat sich zwar sicher über die Frömmlichkeit seiner Schäfchen gefreut, wollte sich dann aber auch nicht nur auf Gebete und den guten Willen verlassen, vor allem nicht bei einem 300 Tonnen Obelisken. Gut, nach einiger Zeit waren genug brauchbare Vorschläge eingebracht, und ein Architekt wurde mit dem Transport beauftragt. Und weil das für die damalige Zeit als eine große Sache und herausragende Leistung betrachtet wurde, hat er auch gleich ein Buch geschrieben, in dem er diese seine Leistung würdigt. Langer Rede kurzer Sinn, am Ende wurde dann der Stein mittels komplizierter Flaschenzüge mit Hilfe von 900 Männern (ob auch Frauen dabei waren, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, aber wenn es jemandem ein Anliegen ist, bleibe ich gerne an der Sache dran) und 150 Pferden konnte der Obelisk dann transportiert werden. Hier kommen wir wieder zur Autorität des Papstes. Damit dem wertvollen Stück beim Transport nur ja nix passiert, verfügte er, dass absolutes Stillschweigen zu herrschen habe, damit die Konzentration nicht flöten geht. Man stelle sich nur vor, wenn da einer mit der Zunge schnalzt und plötzlich die Pferde durchgehen… nicht auszudenken. Absolutes Stillschweigen also, wer dagegen verstößt – Kopf ab, kein Spaß! Das ganze Unternehmen ging auch eine ganze Zeit lang gut, und bis auf ein wenig Stöhnen und Gewieher (die Pferde hatten das mit der absoluten Stille anscheinend nicht so 100%ig kapiert, aber sie deswegen gleich zu köpfen, wäre doch ein wenig zu mafiamäßig gewesen, in einer Zeit, in der es die Mafia in diesem Sinne ja noch gar nicht gab) war eigentlich wenig zu hören. Doch handelte es sich hier nur um die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Einer der Arbeiter, der nebenbei bei der freiwilligen Feuerwehr war, hat es als erster bemerkt: die Seile begannen aufgrund der Reibung (und der schon damals starken Temperaturen auf dem Petersplatz) zu brennen. Noch war es nicht so weit, aber ein bisserl geraucht hat es schon. Als Feuerwehrmann hat er das natürlich sofort gecheckt, doch gleichzeitig wurde dem Armen auch bewusst, in welcher Zwickmühle er sich plötzlich befand. Er konnte das Maul aufreißen und alle warnen, aber sich die Birne wegen eines blödes Steins abhacken zu lassen war eigentlich keine rosige Aussicht, zumal er eine Familie zuhause hatte, die versorgt werden musste. Und wenn sie Dir zur Strafe den Kopf abhacken steigt auch jede Lebensversicherung aus, das war schon damals so. Außerdem würde er ja als erster bemerken, wenn die Seile durchbrennen, er könnte also bequem zur Seite springen und sein Leben retten. Auf der anderen Seite war der Papst aber ein heiliger Mann, und spätestens beim jüngsten Gericht wäre die ganze Sache aufgeflogen. Also beschloss der brave Katholik, zum Wohle der übrigen Arbeiter, zur Befriedigung der Wünsche des Papstes und nicht zuletzt zum Schutze des Steins, den Märtyrertod zu sterben. Also schrie er laut los und warnte seine Kollegen. Rechtzeitig konnten die Seile gekühlt und die Säule (darf man zu einem Obelisken eigentlich Säule sagen?) auf den für sie bestimmten Platz gehievt werden, wo sie noch heute steht. Und hier sind wir wieder bei der Autorität des Papstes angelangt. Denn nicht, weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, denn immerhin hätte der Obelisk dem Papst ja auf den Schädel fallen können (man stelle sich die Schlagzeile in der Kronenzeitung vor: „Papst von eigenem Größenwahn erschlagen!“), nein, nur der Milde des Heiligen Vaters war es zu verdanken, dass der aufmerksame Feuerwehrmann begnadigt wurde und seinen Kopf behalten durfte! Tja, damals wurden päpstliche Anordnungen halt noch wirklich ernst genommen (vor allem, wenn der eigene Kopf davon abhing).
Für alle, die jetzt leicht eingenickt sind: wir befinden uns immer noch im Petersdom. Wirklich beeindruckend, was man da so alles findet. Und natürlich dreht sich auch hier drinnen alles um die Herrlichkeit und den Größenwahn früherer Päpste. Diese stammten ja oft aus bekannten und reichen Familien, und ebendiesen waren sie auch sehr verbunden. Deshalb hat sich die Tradition entwickelt, dass die Päpste sich und ihre Familien (oder zumindest einzelne Personen daraus) im Dom selbst Denkmäler setzen. Das haben sie natürlich nicht selbst gemacht, sondern sie haben Künstler damit beauftragt. Damals ging es den Künstlern noch besser als heute, denn die Werke, die sie schufen, waren wirkliche Kunst, und keine Schmierereien wie heute. Trotzdem konnte es sich auch zu dieser Zeit keiner leisten, dem Papst etwas zu schenken. Es musste also Kohle her. Als Papst ist man da ja in einer relativ guten Position. Die ganzen Steine kann man ja vom Kolosseum holen, das ist gutes, aber billiges Material. Vom Pantheon, das einem ohnehin ein Dorn im Auge ist, weil es heidnisches Gebäude ist, nimmt man einfach die Goldverzierungen. Und für die Bezahlung der Künstler erhöhen wir halt mal schnell die Kirchensteuer. Alles in allem ein logischer Plan, denn so kann man Geld sparen. Zumindest das der eigenen Familie. Und so kommt es, dass man im Petersdom jede Menge Skurrilitäten findet.
Früher ging’s ja auch bei den Priestern noch so richtig zu, Zölibat gab’s ja noch keines. So hat sich zum Beispiel ein Papst hohes Tier in der Kirche einen Sarg anfertigen lassen, der zu jedem Eck von einer seiner 4 Konkubinen geziert wird, die noch dazu völlig nackig sind. Zwei davon sind auch jetzt noch zu bewundern, allerdings hat sich ein späterer Papst am Anblick der holden Weiblichkeit gestoßen und daher verfügt, dass die heiklen Stellen bedeckt wurden. Ganz interessant ist auch der Papstaltar, auf dem, wie der Name ja schon vermuten lässt, nur der Papst zelebrieren darf. Ein früherer Papst, der offensichtlich auch eine starke Bindung zu seiner Familie verspürte, und dessen Lieblingsnichte lange kinderlos geblieben war, hat sich so narrisch gefreut, als diese dann doch ein Kind gebar, dass er diese Geschichte am Altar verewigt hat.
Die Kuppel des Petersdoms ist auch etwas ganz Besonderes. Damit alle wissen, wer hier der Chef ist, sollte es die größte Kuppel in der Stadt werden, größer noch als die Kuppel des Pantheon. Trotz aller Anstrengungen konnte dieses Vorhaben aber nicht verwirklicht werden, die Kuppel ist zwar höher geworden, den Durchmesser des Pantheon konnte selbst Michaelangelo nicht erreichen, das verdammte Ding drohte einfach immer wieder, einzustürzen. Man musste sich also einem heidnischen Bauwerk geschlagen geben. Aber dumm waren die Leute ja damals auch nicht, also wurde der Pantheon einfach zu einer katholischen Kirche umfunktioniert.
Erwähnenswert natürlich auch, dass rund um das Mittelschiff Statuen von Ordensgründern stehen. Ganz vorne rechts, also in nächster Nähe zum Papst, haben wir auch eine Statue vom Chefe gefunden. Vom Petersdom gäbe es sicherlich noch viel zu erzählen, aber mehr habe ich mir einfach nicht merken können.
Nach dem Petersdom gibt’s gleich wieder ein Schmankerl, das eigentlich allen anderen Besuchern entgangen ist, nämlich den deutschen Friedhof. Wieso der gleich neben dem Petersdom ist, habe ich mir auch nicht gemerkt, aber der kleine Friedhof ist ein wunderschönes, mit prächtigen Blumen und Bäumen bewachsenes Fleckchen, ein richtig lauschiges Plätzchen inmitten des ganzen Trubels.
Ich weiß, nun warten schon alle auf den großen Höhepunkt. Bevor wir dorthin kommen, heißt es aber noch anstellen. Weil Margit die Sixtinische Kapelle schon kennt und sich nicht in der Hitze anstellen will, geht sie lieber einkaufen. Ich muss mir das ansehen, wenn ich schon mal dort bin, auch wenn ich mich da eigentlich wirklich nicht anstellen möchte. Ich stehe also in der Schlange und warte. Die Wartezeit wird einem dabei sehr kurzweilig gestaltet. Überall entlang der Mauern haben sich vorwiegend schwarze Händler niedergelassen, die ihre Ware feilbieten. Überall gibt es Prada Taschen, Dolce & Gabana Gürtel und Chanel Sonnenbrillen zu Sonderpreisen, aber garantiert echt, wie mir die Händler immer wieder versichern. Echt nett, dass die das so günstig verkaufen, irgendetwas muss ja billig sein, wenn schon das Bier so teuer ist. Ich sehe mir gerade ein wirklich nettes Prada Täschchen an, als plötzlich aus heiterem Himmel (der war nicht nur heiter, sondern absolut wolkenlos!) alle Händler gleichzeitig auf Mittagspause gehen wollen und hastig ihre Sachen packen. Als ich ein Auto der Finanzbehörde sehe, kommen in mir ernsthafte Zweifel auf, ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Leute von der Finanzbehörde sind aber im Prinzip ganz nett. Ein junger Verkäufer steht mit dem Rücken zur Straße und ist zudem gerade damit beschäftigt, wie wild auf einen möglichen Käufer einzureden. Die Finanzbeamten bleiben mit dem Auto hinter ihm stehen, aber auszusteigen halten sie nicht für nötig. Der Beamte auf dem Beifahrersitz streckt seine Signalkelle aus dem Fenster und klopft damit an die Autotür. Als der Verkäufer endlich bemerkt, dass diese Geräusche ihm gelten, packt auch er hastig seine Waren, hebt noch die Hand zum Gruß in Richtung der Finanzbeamten, ruft „Sorry!“ und verschwindet auch auf die andere Straßenseite. Als das Auto um die Ecke biegt, kommen wieder alle zur Mauer und beginnen, ihre Waren wieder aufzulegen.
Nach einer halben Stunde habe ich es endlich geschafft, die 2. Mauerlänge ist fast geschafft, das Ziel ist nahe. Und das viel schneller als erwartet. Doch nach der nächsten Ecke der große Schock: hinter der Ecke ist nicht gleich der Eingang, wie Margit mir das erzählt hat, sondern die Warteschlange erstreckt sich noch einmal über 2 Mauerlängen. Es stellt sich heraus, dass die Schlange alles in allem ca. 750 Meter lang ist. Nach einer Stunde erreiche ich dann doch endlich den Eingang, jetzt kanns losgehen. Ich betrete die Vatikanischen Museen, wo die Kirchenväter im Laufe der Jahrhunderte jede Menge Kunstschätze zusammengetragen haben. Ich gehe ein wenig durch die Räumlichkeiten, sehe mit die Zimmer an, die Raffael aufgemalt hat, und warte eigentlich nur auf das Grande Finale. Und ich muss schon sagen, wenn man da reinkommt, haut es einen wirklich um. Bei der Sixtinischen Kapelle gibt’s keine Coverversionen, nur die besten Originale! Man darf drinnen eigentlich nicht fotografieren, aber als ich die Kapelle betrete, wimmelt es nur so von Leuten, und alle fotografieren. Die völlig überforderten und entnervten Kapellmeister winken verzweifelt und resignierend mit den Händen und rufen „no photos“ in die Menge. Kümmern tut das keinen. Ich hingegen halte mich natürlich streng an die Vorschriften.
Im Film „Good Will Hunting“ wirft der Psychologe Robin Williams Will Hunting sinngemäß vor, dass dieser all sein Wissen nur in der Theorie aus Büchern kenne, und jedes einzelne Bild in der Sixtinischen Kapelle erklären könne. Ihm fehle es aber an Gefühl, und so wisse er zum Beispiel nicht, wonach es in der Kapelle riecht. Nun, ich kann Euch sehr wohl sagen, wonach es in der Sixtinischen Kapelle riecht: es stinkt nach Schweiß und sonstigen Aussonderungen von Touristen.
Die Geschichte der Kapelle ist natürlich auch wieder ganz interessant. Die Decke und die gesamte vordere Breitseite sind from the master himself, Micheangelo. Eigentlich war es gar nicht geplant, dass Michelangelo den Auftrag für die Decke bekommt. Doch neidische Künstlerkollegen haben den Papst so lange aufgestichelt, bis er ihm den Auftrag angetragen hat. Natürlich wollten die Kollegen dem Meister damit keinen Gefallen tun, sondern haben vielmehr gehofft, dass sich der alte Sack mit diesem Auftrag übernimmt, sich zum Gespött macht und nebenbei noch beim Papst in Ungnade fällt. Michelangelo hat sich da natürlich nicht foppen lassen und das gemeine Spiel gleich durchschaut. Er wollte den Auftrag nicht annehmen. Schließlich hat man sich dann darauf geeinigt, dass Michelangelo den Auftrag doch annimmt, denn zu dieser Zeit hat auch ein Michelangelo zum Papst nicht einfach nein gesagt. Schließlich wollte er seinen Kopf noch eine Weile behalten. Nach über 8 Jahren Pinselei ist Michelangelo schon dem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, aber am Ende mussten seine Kollegen erkennen, dass sie ihm und der Menschheit mit ihrer Missgunst einen großen Gefallen getan haben. Sie haben es ihm ermöglichst, das wahrscheinlich größte, schönste und coolste Kunstwerk aller Zeiten zu erschaffen. Ich möchte jetzt sicher nicht hören, dass die Mona Lisa das berühmteste und beste Kunstwerk aller Zeiten ist, denn ich habe die Mona Lisa gesehen, und sie ist nur ein mickriger kleiner Fetzen, der zwischen vielen weiteren unbedeutenden Fetzen im Louvre hängt und den man nur erkennt, weil Panzerglas darüber ist und tausend Leute versuchen, durch dieses Glas zu fotografieren, durch das mal auch ohne Kamera schon kaum sieht. Echt enttäuschend. Auf jeden Fall steht man in der Sixtinischen Kapelle und kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Eigentlich kann man dieses Werk nicht beschreiben, es ist einfach nur wunderschön. Auch für Menschen wie mich, die mit Kunst sonst nicht so viel am Hut haben. Und wenn man da so unten steht und nach oben schaut, schießen einem glatt die Tränen in die Augen. Mir natürlich nicht, aber allen anderen. Im Übrigen stimmt es gar nicht, dass Michelangelo das Ganze im Liegen gemalt hat, er hat es im Stehen gemalt und sich ein steifes Genick und einen Buckel geholt.
Michelangelo hat dann auch noch eine Breitseite von 40m² gestaltet, das Bild zeigt das jüngste Gericht. Auf das ist ein wunderschönes Werk. Die ganze Kapelle wurde vor einigen Jahren in mühevoller Kleinarbeit renoviert, die Renovierungsarbeiten dauerten 11 Jahre, länger als Michelangelo dafür gebraucht hat. Zum Vorschein kamen dabei ganz neue Farben und ein Stil Michelangelos, der es nötig machte, seinen Stil in den Kunstbüchern ganz neu zu beschreiben. Zum Vergleich wurden einige Stellen bei der Renovierung ausgelassen, damit man den Unterschied nachvollziehen kann. Finanziert wurde die Renovierung für etliche Millionen vom japanischen Fernsehen, das dafür die Exklusivrechte für die Dokumentation der Arbeiten bekam. Bei den Arbeiten wurde nichts nachgezeichnet oder nachgefärbt, das Ganze wurde vielmehr in mühevoller Kleinarbeit von Experten quadratmillimeterweise vom jahrhundertealten Dreck befreit.
Als ich hinausgehe bin ich froh, dass ich mir das lange Warten angetan habe, ich hätte mich wirklich in den Allerwertesten gebissen, wenn ich das versäumt hätte. Im Nachhinein betrachten war die Wartezeit gar nicht so lange, und im Endeffekt hat das lange Hinarbeiten auf den Höhepunkt die ganze Sache noch schöner gemacht.
Ich treffe mich mit Margit wieder in der Unterkunft, die vom shopsen auch ganz fertig ist. Dabei hat sie die Klapperl, die sie gesucht hat, gar nicht gefunden. Wir wollen wieder zum Fußball. Eigentlich will ja ich mehr zum Fußball, Margit reicht es, ein Spiel zusehen. Ich glaube, sie kennt sich im Fußball nicht wirklich aus, daher ist es noch verwundernder, wie geduldig und interessiert sie zusieht und immer nachfragt, warum denn der Schiedsrichter jetzt ein Foul gepfiffen hat. Auch die Abseitsregeln versuche ich ihr zu erklären, aber nur die Basics, denn ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich selbst mit den ganzen neuen Bestimmungen beim Abseits nicht zurecht kommen. Das ist doch hirnrissig! Auf jeden Fall will Margit Beckham sehen. Aber nicht, weil sie eine der Tussn ist, die sich Fußball wegen der feschen Fußballer ansehen, sondern weil alle immer von ihm sprechen und sie ihn noch nie gesehen hat. Kein großer Verlust, wenn man mich fragt. Er ist zweifellos einer der am meisten überschätzten Fußballer. Wir gehen zum Campo de’ Fiori, einem der Hauptplätze in Rom. Wir sehen ein super Lokal mit Gastgarten, heraußen ein Flachbildschirm. Im Garten sitzen schon einige Brasilianer und warten auf das Abendspiel. Hmm, hier könnte man sicher rauchen, aber die Sonne brennt dermaßen auf den ungeschützten Garten, dass man es erstens nicht aushält, zweitens ist bei diesem grellen Licht die Sicht auf dem Flachbildschirm nicht wirklich gut. Wir gehen also ein paar Meter weiter zu einem Pub, in dem schon eine Menge Engländer sitzen. Das Spiel hat soeben begonnen, und wir ergattern noch einen Platz an der Bar. Auch ein paar Portugiesen sind da, aber nicht sehr viele. Englische Fußballfans haben ja den Ruf, dass sie schon vor dem Spiel völlig besoffen sind, herumgrölen und randalieren. Nicht so hier. Die meisten haben ihre Freundinnen mit, einige der Mädchen sind sogar alleine da. Und so kommt es, dass es hin und wieder, wenn Beckham im Bild ist, zu grellen Aufschreien kommt. Wir waren gerade noch rechtzeitig da, denn nach unserer Ankunft füllt sich die Bar immer mehr. In Rom gibt es nicht so viele Lokale, die auch schon die Nachmittagsspiele übertragen. Margit sieht sich mit mir die erste Halbzeit an und geht dann noch ein wenig einkaufen, wegen der Klapperl. Rechtzeitig zum Elferschießen ist sie wieder da, die Enttäuschung über die Niederlage ist groß.
Mir fällt ein, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Margit will sich wieder mit Freunden aus ihrer Studienzeit treffen, und ich mache mich auf dem Weg zum Brasilianerlokal, das jetzt wunderbar im Schatten liegt. Ich bin auch so zeitig dran, dass ich noch einen guten Platz bekomme. Das Lokal füllt sich langsam mit Brasilianern, die singend und tanzend einziehen und sich untereinander anscheinend alle kennen. Alle natürlich in den brasilianischen Nationalfarben. Ein kleiner Junge, ich schätze ihn auf ca. 13 Jahre, steht auf der Straße neben dem Lokal. Er hat ein kleines Wagerl mit einem Kassettenrekorder, aus dem Musik kommt. Dazu spielt er, und das gar nicht schlecht, unter Jubel der brasilianischen Fans, auf seiner Geige. Die Begeisterung erreicht einen ersten Höhepunkt, alle hüpfen herum und stimmen Fußballlieder an. Es wird getanzt, dass es sich bei der Musik um den ungarischen Tanz handelt, scheint keinen zu stören. Die Preise im Lokal sind ein Wahnsinn, 6 Euro für das Lackerl Bier, von den Speisen gar nicht zu sprechen. Ich bestelle mir Pasta, die auf der Karte als Vorspeise geführt wird. Mehr als zwei Bissen sind es dann auch nicht, aber nachdem ich 13 Euro dafür bezahlt habe, habe ich plötzlich keinen Hunger mehr. Auch hier das gleiche Phänomen wie in der vorigen Bar, immer mehr Leute kommen, sie stehen reihenweise hinter dem Gastgarten und beobachten das Spiel. Immer wieder Schlachtgesänge. In der Zwischenzeit haben sich auch ein paar Franzosen dazu gesellt und schwingen ihre Fahnen. Sonst sind sie aber ob der brasilianischen Überzahl ziemlich kleinlaut. Neben mich setzt sich ein Italiener. Er ist 40 Jahre und hat einen klingenden Namen, den ich trotzdem vergessen habe. Er legt seinen französischen Reisepass auf den Tisch. Er erzählt mir, dass er sich das Spiel eigentlich in der französischen Botschaft ansehen wollte, aber aus irgendeinem Grund, den ich mir schon gut vorstellen kann, ihm hingegen völlig unklar blieb, machte ihm keiner auf. Also hat er sich einen Sessel geschnappt und neben mich gedrängt, der einzige Platz, der noch frei war. Mich stört das ja nicht. Und obwohl ich gelernt habe, dass man nicht mit Fremden spricht, werde ich doch ein wenig neugierig. Es stellt sich heraus, dass der Italiener nicht nut Italiener, sondern auch Franzose ist. Mutter Französin, Vater Italiener. Er arbeitet für die UNO, ist schon viel auf der Welt gekommen und war vor kurzem auch in Wien. Er hat sich für eine Stelle bei der Atombehörde der UNO beworben. Seine Frau ist Französin und besucht gerade ihre Familie in Frankreich. Das gibt ihm die Gelegenheit, von all den knapp bekleideten Brasilianerinnen zu schwärmen. Die schönsten Frauen der Welt. Vor ein paar Wochen war er auch in Rio.
Nach dem Spiel (und dem Sieg der Franzosen) ist die Hölle los. Die Brasilianer sind plötzlich stumm, dafür tönt die Marseilleise über den römischen Hauptplatz. Die Leute tanzen ausgelassen auf dem Platz. Ich habe zu Brasilien geholfen, nach England schon die zweite Enttäuschung am heutigen Tag. Die französische Hymne gefällt mir trotzdem besser, weil ich da auch ein wenig mitsingen kann. Zu lange kann ich aber nicht feiern, denn ich will ja nicht auf der Straße schlafen. Gott sei Dank hat es diesmal keine Verlängerung gegeben, denn sonst wäre ich nicht mehr rechtzeitig nachhause gekommen. Bin ich eigentlich auch so nicht, denn der einzige Bus, von dem ich die Fahrtroute kenne, fährt mir vor der Nase weg. Und die Anzeigetafel an der Busstation hilft mir auch nicht weiter, da steht nur ein Schild mit der Aufschrift „tutte le direzzione“, alle Richtungen. Die Italiener sind wirklich ein komisches Volk, denn auch wenn bei der Station alle Linien vorbeikommen, hätte ich doch schon recht gerne gewusst, welcher in meine Richtung fährt. Und was bisher eigentlich kein Problem war, wird plötzlich zu einem, ich finde nämlich keinen Italiener, der englisch spricht. Also muss ich mein letztes Italienisch auspacken, um mir den Weg nachhause zu erfragen. Das dauert ein wenig. Ich komme nach halb zwölf an, trotzdem ist der Portier noch da.
Für mich geht es aber noch nicht ins Bett, denn die Ereignisse der letzten Tage haben mich so beeindruckt, dass ich das unbedingte Bedürfnis verspüre, das alles niederzuschreiben. Also starte ich noch meinen Laptop und beginne, dieses Tagebuch zu schreiben, bis spät in die Nacht. Trotzdem schaffe ich es nicht, den Bericht für die ersten drei Tage komplett fertig zu stellen.
Freitag, 30. Juni 2006
Rom - Tag 2
Der Franzose heißt Vincent und ist Franzose. Mehr erfahre ich auch in einem kurzen Gespräch am Morgen nicht. Vincent ist in der Nacht gegen 1 Uhr angekommen, war aber sehr rücksichtsvoll, denn er hat mich nicht aufgeweckt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich einen sehr langen Tag hinter mir hatte. Als ich aufwache, ist er nicht da, wahrscheinlich irgendwo auf der Suche nach einem Baguette. Als ich aus der Dusche komme, steht er plötzlich vor mir. Obwohl ich nichts über ihn gewusst hatte, habe ich ihn mir trotzdem anders vorgestellt. Ich schätze ihn auf ca. 45 Jahre. Wir wechseln ein paar Worte auf Englisch. Es ist mir ein Anliegen, hier mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Franzosen stinken nicht! Wir verlassen gemeinsam das Zimmer, allerdings in verschiedene Richtungen. Während er einen Tag voller Bewerbungsgespräche vor sich hat, freue ich mich auf eine Tour durch Rom.
Schon am Morgen ist es sauheiß, die Sonne brennt nur so herunter. Margit hat sich mit ihren Freundinnen aus Studienzeiten verabredet und will am Vormittag in eine Therme fahren. Trotz intensiver Anstrengungen komme ich nicht hinter die Sinnhaftigkeit eines Thermenbesuches bei 30 Grad Celsius, aber mir kann das ja Wurscht sein. Der erste Tag war sozusagen nur zum Aufwärmen, heute habe ich meine Digicam eingepackt und bin bereit, Rom unsicher zu machen.
Wir besuchen noch kurz Tobia in seinem Büro und fragen ihn, warum er gestern nicht mehr auf unseren Anruf reagiert hat. Er sagt, er hat keinen Anruf bekommen. Wir zeigen ihm die eingespeicherte Nummer, und er korrigiert und mit dem Unterton, dass wir ja völlig bescheuert sein müssen, weil wir seine Telefonnummer nicht richtig eingespeichert haben. Die Tatsache, dass wir beide dieselbe falsche Nummer hatten, die wir von dem Zettel abgetippt haben, den er uns am Tag zuvor selbst gegeben hat, scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen.
Um ehrlich zu sein macht Rom eher mich unsicher. Irgendwie gehen die Straßen nicht in die Richtungen, wie sie mein Stadtplan anzeigt. Zuhause haben wir distinktive Straßennamen wie Buchenweg, Lindenweg oder Erlenweg. In Rom heißen alle Straßen irgendwie gleich, zumindest kann man sich unter den Straßennamen nichts vorstellen. Bei der Bushaltestelle steht „Via Nazionale – 5 Stationen“. Bei welcher Station man aussteigen muss, bleibt ein Rätsel. Ich beschließe, die Via Nazionale vorerst zu meiden, weil mir das Ganze ein wenig unheimlich ist.
Da ich ja nicht ganz blöd bin und mein Kurzzeitgedächtnis meistens super funktioniert, entschließe ich mich, dieselbe Tour wie am Vortag zu machen, denn diesen Weg kenne ich wenigstens schon. Ich mache mich also auf zum Kolosseum. Zu meiner Erleichterung ist das Kolosseum immer noch da, auch scheint sich die Größe nicht verändert zu haben. Man kann also annehmen, dass keine Steine vom Kolosseum mehr für den Bau anderer Gebäude verwendet werden. Sehr beruhigend zu wissen, dass ich mir das im nächsten Jahr auch wieder ansehen kann, zumal mir der Weg dorthin ja mittlerweile gut bekannt ist.
Ich mache eine Menge Fotos vom Kolosseum, den Triumphbögen, dem Forum uns van allem, was mir sonst noch unter die Linse kommt. Da ich weder Kapperl noch Sonnenhut habe, brennt mir die Sonne ordentlich auf die Birne. Ich brauche dringend eine Kaffeepause! Ich gehe also in eine Seitenstraße in ein Cafe und bestelle mir ein Bier. Ich studiere den Stadtplan und überlege mir, was ich mir alles ansehen sollte.
Weil ich gerade in der nähe bin, beschließe ich, mir den „Bocca della verita“ anzusehen. Also mache ich mich auf zur Piazza bocca della verita. Auf dem Weg dorthin komme ich noch beim Circus Maximus vorbei. Wer sich dabei eine wunderschöne Arena für Pferderennen vorgestellt hat, wird wie ich ein wenig enttäuscht sein. Von Tribünen keine Spur, nur ein großer Platz, auf dem man die ehemalige Bahn noch erahnen kann, der Rest ist mit Unkraut überwachsen. Ich gehe also quer über den Circus, damit ich zuhause wenigstens davon erzählen kann. Am Ende des Platzes, um einen kleinen Häuserblock herum, kommt man schon zur Piazza bocca della verita.
Für Sightseeingtouren ist Rom ja sowieso super. Alle paar Meter stolpert man über irgendeinen berühmten Stein. Es gibt immer wieder was zu sehen, daher wird einem nie fad und man merkt eigentlich gar nicht, wie weit man schon gegangen ist. Ich stehe also auf besagtem Platz. Ich sehe zwei kleine tempelartige Gebäude mit einem Haufen Säulen, aber keinen Bocca. Da es in Rom so viele wunderbare antike Sehenswürdigkeiten gibt, habe ich immer angenommen, dass die Plätze darum dementsprechend pompös und groß sind, und vor allem, dass diese Sehenswürdigkeiten das Zentrum dieser Plätze darstellen. Denkste. Die Römer scheren sich nämlich einen Dreck um die Sehenswürdigkeiten. Nicht nur, dass sie die Steine einfach verschleppen, sie bauen gerne enge und verwinkelte Gassen um ihre Sehenswürdigkeiten und scheinen darauf zu achten, dass man sich möglichst anstellen muss, um dorthin zu gelangen. Wäre Rom ein Büro, so müsste man sagen, dass es einfach nicht sehr ergonomisch eingerichtet ist.
So auch beim Mund der Wahrheit. Ich habe mit gedacht, diese Skulptur befindet sich auf einer Hauswand, die zu, Platz hin offen ist, und dass sich alle Blicke vom Platz auf den Bocca konzentrieren. Wiedermal denkste. Durch Zufall entdecke ich eine kleine Kirche, die hinter einem Baugerüst versteckt ist. Zwischendurch gehen da Leute ein und aus. Da ich das gesuchte Objekt noch nicht gefunden habe, denke ich mir, ok, schaust halt zuerst in die Kirche rein, wenn die Leute da reingehen, wird’s schon was zu sehen geben. Und siehe da, gleich hinter dem Gerüst verläuft, parallel zur Hausfront, ein kleiner Gang. Der Gang wird zur einen Seite von der Hauswand begrenzt, auf der anderen Seite von Säulen. Vor den Säulen freilich das Baugerüst. Und am Ende dieses Ganges ist der bocca della verita. Davor stehen schon ein paar Japaner schießen massenweise Fotos. Normalerweise steckt man ja die Hand in den Mund hinein. Die kleinen Japanerkinder versuchen alles, was sie finden können, hineinzustecken. Einem der Kinder zieht es beim Versuch, einen Fuß reinzustecken, die Schlapfn aus. Natürlich fällt es auch auf den Allerwertesten. Das Kind weint, die Geschwister lachen schadenfroh, die Mutter schämt sich vor den anderen Besuchern und beginnt wie wild zu schimpfen, und der Vater fotografiert. Endlich bin ich auch an der Reihe, hinter mir Gott sei Dank für kurze Zeit keine Leute, und so kann ich mir das Ganze in Ruhe ansehen. Ich mache natürlich einige Fotos, doch beim Versuch, mich selbst zu fotografieren, wie ich die Hand in den Mund stecken, haut es mich auch fast auf die Pappn, und da ich nicht wie der kleine Japaner enden will, sehe ich diesen Versuch einfach mal als kläglich gescheitert an hoffe, dass mich niemand dabei gesehen hat.
Der nächste geplante Programmpunkt ist der Trevi-Brunnen. Ich hocke mich also in einen der klimatisierten Busse und komme tatsächlich dort an, wo ich hin will. Durch verwinkelte Gassen komme ich schließlich zum Brunnen. Der ist natürlich wunderschön, mit Poseidon an der Spitze erstreckt er sich über eine gesamte Häuserbreite. Und weil der Brunnen so schön ist, sind dort natürlich auch eine Million Leute, die sich gegenseitig vor dem Brunnen fotografieren. Ich habe jedoch aus den Misserfolgen der Vergangenheit gelernt und versuche nicht mehr, mich selbst vor dem Brunnen abzulichten. Am Schluss falle ich vielleicht noch hinein und alle lachen mich aus. Nicht mit mir. Außerdem ist es sehr schwierig, einen guten Platz zum Fotografieren zu ergattern, denn natürlich ist der Platz vor dem Brunnen wieder sehr mickrig dimensioniert – Ergonomiefaktor 0.
Also weiter zur letzten Stätte meiner geplanten Tour, zum Pantheon. Das Pantheon ist ein Tempel mitten in der Stadt, ein rundes Gebäude mit der im Durchmesser größten Kuppel Roms, davor ein Tempel im klassischen griechischen Säulenstil. Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie die Verschmelzung eines Gasometers mit einer Holzscheune, bei der jede zweite Latte fehlt. Schaut aber sehr super aus.
Mittlerweile ist es schon Nachmittag, ich mache mich auf den Weg in die Unterkunft. Ich habe mit Margit vereinbart, dass wir uns dort treffen, um dann gemeinsam nach einem Plätzchen zu suchen, um das WM-Viertelfinale Deutschland – Argentinien anzuschauen. Nach langem Suchen finden wir schließlich eine geeignete Bar.
Aufmerksame Leser werden sich wahrscheinlich fragen, was mit Margit passiert ist, während ich mich in der Stadt amüsiert habe. Nun, Margit ist mit ihrer Freundin zu besagter Therme gefahren, und es hat sich herausgestellt, dass die Therme zwar Therme heißt, aber eigentlich gar keine ist, denn das Wasser war kalt. Nicht unbedingt Atterseeniveau, aber doch kalt. Dass aus einer Therme auch kaltes Wasser kommen kann, war mir neu. Die spinnen, die Römer.
Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Leute jagen während 90 Minuten einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Dass diese alte Fußballweisheit des ehemaligen englischen Teamstürmers Gary Lineker immer noch Gültigkeit besitzt, müssen wir einmal mehr schmerzhaft miterleben. Argentinien befindet sich schon auf der Siegerstraße, und eigentlich rechnet niemand mehr mit einem deutschen Sieg. Trotzdem befürchten es alle. Und natürlich ist es auch so. Zum Trost bekommen alle Gäste einen Früchtepunsch auf Kosten des Hauses. Ich kann ja mit Früchtepunsch nicht wirklich was anfangen, mir wäre lieber gewesen, wenn sie ein ordentliches Bier zu einem vernünftigen Preis anbieten würden, aber danach sucht man in Rom vergebens. Es gibt nur so genannte Eurohalbe, die aber kein halber Liter, sondern nur 0,4 Liter beinhalten. Und unter 5 Euro bekommt man diese Frechheit schon gar nicht. Viel schlimmer aber noch als diese skandalösen biertechnischen Zustände ist aber das Rauchverbot in italienischen Lokalen. Dauernd muss man raus rennen, um zu rauchen. Das ist wirklich ein raucherfeindliches Land. Sogar in den Gastgärten rauchen die Leute nur heimlich, verstecken die Zigarette unter dem Tisch und blasen den Rauch mit ängstlichem Blick den Rauch über ihren Köpfen in die Luft. Ein Verstoß gegen das Rauchverbot kann zwischen 27,5 und 275 Euro kosten. Wenn man nur heimlich am Klo aus dem Fenster rauchst, kommt man noch einigermaßen billig davon, sobald aber Kinder oder Schwangere in der Nähe sind, erhöhen sich die Strafen drastisch. Ich weiß zwar nicht, was Kinder in einer Bar verloren haben, in der sich grölende Deutsche ansaufen, aber wenigstens erkennt man ein Kind, wenn man es sieht. Bei Schwangeren tut man sich da mitunter schon etwas schwerer, denn nicht alle Frauen sind so konstruiert, dass man zwischen einem harmlosen Fettpölsterchen und einer Schwangerschaftsrundung unterschieden kann. Aber um Geld zu sparen kann man ja im Notfall nachfragen.
Margit trifft sich am Abend wieder mit Freunden, um sich das Spiel Italien – Ukraine anzusehen. Ich will mir das Spiel auf dem Platz ansehen, den wir am Vorabend entdeckt haben. Zuerst fahre ich noch einmal nachhause, um zu duschen, ich will ja nicht, dass der Franzose glaubt, dass Österreicher stinken. Fast komme ich zu spät zum Spiel, weil ich beim Duschen unter Schmerzen feststellen muss, dass mir die Sonne meine Birne schon ziemlich aufgebrannt hat. Zusätzlich habe ich, weil ich den ganzen Tag in meinen Badeschlapfn herumgelaufen bin, eine böser Blase auf der Fußsohle, die höllisch schmerzt. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Mensch vor mir so starke Schmerzen jemals solche Schmerzen ertragen musste. Ich bin halt ein harter Hund. Also schleppe ich mich, vorbei an den furchterregenden Asseln in der Nähe des Bahnhofs, zur Fußballübertragung. Von der Weite höre ich schon die italienische Hymne, dreistimmig, wie man so schön sagt. Laut, falsch, und mit Begeisterung. Vor allem aber laut. Das Spiel entwickelt sich zu unser aller Zufriedenheit super für Italien, und nach dem Sieg wird natürlich so richtig gefeiert. Autocorsos durch die Stadt, die Via Nazionale wird gesperrt. Am nördlichen Ende der Nazionale, unweit des Bahnhofs, befindet sich der Piazza della Repubblica. Dort gibt’s auch einen schönen großen Brunnen, und es gilt als vereinbart, dass sich ganz Rom dort trifft und hineinspringt, wie schon nach dem letzten Sieg. Das ist natürlich nicht erlaubt, und weil die Polizei auch nicht dumm ist, hat sie den Platz abgeriegelt.
Für mich wird es Zeit, nachhause zu gehen, denn ich will nicht schon wieder vor verschlossenen Türen stehen. Vincent ist schon im Zimmer, und spricht mich diesmal auf Deutsch an. Vielleicht hat er den Tag dazu genutzt, einen Intensivkurs zu machen. Da er sich aber nicht für Fußball zu interessieren scheint, beschließe ich, nicht mehr mit ihm zu reden und begebe mich zur wohlverdienten Ruhe.
Schon am Morgen ist es sauheiß, die Sonne brennt nur so herunter. Margit hat sich mit ihren Freundinnen aus Studienzeiten verabredet und will am Vormittag in eine Therme fahren. Trotz intensiver Anstrengungen komme ich nicht hinter die Sinnhaftigkeit eines Thermenbesuches bei 30 Grad Celsius, aber mir kann das ja Wurscht sein. Der erste Tag war sozusagen nur zum Aufwärmen, heute habe ich meine Digicam eingepackt und bin bereit, Rom unsicher zu machen.
Wir besuchen noch kurz Tobia in seinem Büro und fragen ihn, warum er gestern nicht mehr auf unseren Anruf reagiert hat. Er sagt, er hat keinen Anruf bekommen. Wir zeigen ihm die eingespeicherte Nummer, und er korrigiert und mit dem Unterton, dass wir ja völlig bescheuert sein müssen, weil wir seine Telefonnummer nicht richtig eingespeichert haben. Die Tatsache, dass wir beide dieselbe falsche Nummer hatten, die wir von dem Zettel abgetippt haben, den er uns am Tag zuvor selbst gegeben hat, scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen.
Um ehrlich zu sein macht Rom eher mich unsicher. Irgendwie gehen die Straßen nicht in die Richtungen, wie sie mein Stadtplan anzeigt. Zuhause haben wir distinktive Straßennamen wie Buchenweg, Lindenweg oder Erlenweg. In Rom heißen alle Straßen irgendwie gleich, zumindest kann man sich unter den Straßennamen nichts vorstellen. Bei der Bushaltestelle steht „Via Nazionale – 5 Stationen“. Bei welcher Station man aussteigen muss, bleibt ein Rätsel. Ich beschließe, die Via Nazionale vorerst zu meiden, weil mir das Ganze ein wenig unheimlich ist.
Da ich ja nicht ganz blöd bin und mein Kurzzeitgedächtnis meistens super funktioniert, entschließe ich mich, dieselbe Tour wie am Vortag zu machen, denn diesen Weg kenne ich wenigstens schon. Ich mache mich also auf zum Kolosseum. Zu meiner Erleichterung ist das Kolosseum immer noch da, auch scheint sich die Größe nicht verändert zu haben. Man kann also annehmen, dass keine Steine vom Kolosseum mehr für den Bau anderer Gebäude verwendet werden. Sehr beruhigend zu wissen, dass ich mir das im nächsten Jahr auch wieder ansehen kann, zumal mir der Weg dorthin ja mittlerweile gut bekannt ist.
Ich mache eine Menge Fotos vom Kolosseum, den Triumphbögen, dem Forum uns van allem, was mir sonst noch unter die Linse kommt. Da ich weder Kapperl noch Sonnenhut habe, brennt mir die Sonne ordentlich auf die Birne. Ich brauche dringend eine Kaffeepause! Ich gehe also in eine Seitenstraße in ein Cafe und bestelle mir ein Bier. Ich studiere den Stadtplan und überlege mir, was ich mir alles ansehen sollte.
Weil ich gerade in der nähe bin, beschließe ich, mir den „Bocca della verita“ anzusehen. Also mache ich mich auf zur Piazza bocca della verita. Auf dem Weg dorthin komme ich noch beim Circus Maximus vorbei. Wer sich dabei eine wunderschöne Arena für Pferderennen vorgestellt hat, wird wie ich ein wenig enttäuscht sein. Von Tribünen keine Spur, nur ein großer Platz, auf dem man die ehemalige Bahn noch erahnen kann, der Rest ist mit Unkraut überwachsen. Ich gehe also quer über den Circus, damit ich zuhause wenigstens davon erzählen kann. Am Ende des Platzes, um einen kleinen Häuserblock herum, kommt man schon zur Piazza bocca della verita.
Für Sightseeingtouren ist Rom ja sowieso super. Alle paar Meter stolpert man über irgendeinen berühmten Stein. Es gibt immer wieder was zu sehen, daher wird einem nie fad und man merkt eigentlich gar nicht, wie weit man schon gegangen ist. Ich stehe also auf besagtem Platz. Ich sehe zwei kleine tempelartige Gebäude mit einem Haufen Säulen, aber keinen Bocca. Da es in Rom so viele wunderbare antike Sehenswürdigkeiten gibt, habe ich immer angenommen, dass die Plätze darum dementsprechend pompös und groß sind, und vor allem, dass diese Sehenswürdigkeiten das Zentrum dieser Plätze darstellen. Denkste. Die Römer scheren sich nämlich einen Dreck um die Sehenswürdigkeiten. Nicht nur, dass sie die Steine einfach verschleppen, sie bauen gerne enge und verwinkelte Gassen um ihre Sehenswürdigkeiten und scheinen darauf zu achten, dass man sich möglichst anstellen muss, um dorthin zu gelangen. Wäre Rom ein Büro, so müsste man sagen, dass es einfach nicht sehr ergonomisch eingerichtet ist.
So auch beim Mund der Wahrheit. Ich habe mit gedacht, diese Skulptur befindet sich auf einer Hauswand, die zu, Platz hin offen ist, und dass sich alle Blicke vom Platz auf den Bocca konzentrieren. Wiedermal denkste. Durch Zufall entdecke ich eine kleine Kirche, die hinter einem Baugerüst versteckt ist. Zwischendurch gehen da Leute ein und aus. Da ich das gesuchte Objekt noch nicht gefunden habe, denke ich mir, ok, schaust halt zuerst in die Kirche rein, wenn die Leute da reingehen, wird’s schon was zu sehen geben. Und siehe da, gleich hinter dem Gerüst verläuft, parallel zur Hausfront, ein kleiner Gang. Der Gang wird zur einen Seite von der Hauswand begrenzt, auf der anderen Seite von Säulen. Vor den Säulen freilich das Baugerüst. Und am Ende dieses Ganges ist der bocca della verita. Davor stehen schon ein paar Japaner schießen massenweise Fotos. Normalerweise steckt man ja die Hand in den Mund hinein. Die kleinen Japanerkinder versuchen alles, was sie finden können, hineinzustecken. Einem der Kinder zieht es beim Versuch, einen Fuß reinzustecken, die Schlapfn aus. Natürlich fällt es auch auf den Allerwertesten. Das Kind weint, die Geschwister lachen schadenfroh, die Mutter schämt sich vor den anderen Besuchern und beginnt wie wild zu schimpfen, und der Vater fotografiert. Endlich bin ich auch an der Reihe, hinter mir Gott sei Dank für kurze Zeit keine Leute, und so kann ich mir das Ganze in Ruhe ansehen. Ich mache natürlich einige Fotos, doch beim Versuch, mich selbst zu fotografieren, wie ich die Hand in den Mund stecken, haut es mich auch fast auf die Pappn, und da ich nicht wie der kleine Japaner enden will, sehe ich diesen Versuch einfach mal als kläglich gescheitert an hoffe, dass mich niemand dabei gesehen hat.
Der nächste geplante Programmpunkt ist der Trevi-Brunnen. Ich hocke mich also in einen der klimatisierten Busse und komme tatsächlich dort an, wo ich hin will. Durch verwinkelte Gassen komme ich schließlich zum Brunnen. Der ist natürlich wunderschön, mit Poseidon an der Spitze erstreckt er sich über eine gesamte Häuserbreite. Und weil der Brunnen so schön ist, sind dort natürlich auch eine Million Leute, die sich gegenseitig vor dem Brunnen fotografieren. Ich habe jedoch aus den Misserfolgen der Vergangenheit gelernt und versuche nicht mehr, mich selbst vor dem Brunnen abzulichten. Am Schluss falle ich vielleicht noch hinein und alle lachen mich aus. Nicht mit mir. Außerdem ist es sehr schwierig, einen guten Platz zum Fotografieren zu ergattern, denn natürlich ist der Platz vor dem Brunnen wieder sehr mickrig dimensioniert – Ergonomiefaktor 0.
Also weiter zur letzten Stätte meiner geplanten Tour, zum Pantheon. Das Pantheon ist ein Tempel mitten in der Stadt, ein rundes Gebäude mit der im Durchmesser größten Kuppel Roms, davor ein Tempel im klassischen griechischen Säulenstil. Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie die Verschmelzung eines Gasometers mit einer Holzscheune, bei der jede zweite Latte fehlt. Schaut aber sehr super aus.
Mittlerweile ist es schon Nachmittag, ich mache mich auf den Weg in die Unterkunft. Ich habe mit Margit vereinbart, dass wir uns dort treffen, um dann gemeinsam nach einem Plätzchen zu suchen, um das WM-Viertelfinale Deutschland – Argentinien anzuschauen. Nach langem Suchen finden wir schließlich eine geeignete Bar.
Aufmerksame Leser werden sich wahrscheinlich fragen, was mit Margit passiert ist, während ich mich in der Stadt amüsiert habe. Nun, Margit ist mit ihrer Freundin zu besagter Therme gefahren, und es hat sich herausgestellt, dass die Therme zwar Therme heißt, aber eigentlich gar keine ist, denn das Wasser war kalt. Nicht unbedingt Atterseeniveau, aber doch kalt. Dass aus einer Therme auch kaltes Wasser kommen kann, war mir neu. Die spinnen, die Römer.
Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Leute jagen während 90 Minuten einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Dass diese alte Fußballweisheit des ehemaligen englischen Teamstürmers Gary Lineker immer noch Gültigkeit besitzt, müssen wir einmal mehr schmerzhaft miterleben. Argentinien befindet sich schon auf der Siegerstraße, und eigentlich rechnet niemand mehr mit einem deutschen Sieg. Trotzdem befürchten es alle. Und natürlich ist es auch so. Zum Trost bekommen alle Gäste einen Früchtepunsch auf Kosten des Hauses. Ich kann ja mit Früchtepunsch nicht wirklich was anfangen, mir wäre lieber gewesen, wenn sie ein ordentliches Bier zu einem vernünftigen Preis anbieten würden, aber danach sucht man in Rom vergebens. Es gibt nur so genannte Eurohalbe, die aber kein halber Liter, sondern nur 0,4 Liter beinhalten. Und unter 5 Euro bekommt man diese Frechheit schon gar nicht. Viel schlimmer aber noch als diese skandalösen biertechnischen Zustände ist aber das Rauchverbot in italienischen Lokalen. Dauernd muss man raus rennen, um zu rauchen. Das ist wirklich ein raucherfeindliches Land. Sogar in den Gastgärten rauchen die Leute nur heimlich, verstecken die Zigarette unter dem Tisch und blasen den Rauch mit ängstlichem Blick den Rauch über ihren Köpfen in die Luft. Ein Verstoß gegen das Rauchverbot kann zwischen 27,5 und 275 Euro kosten. Wenn man nur heimlich am Klo aus dem Fenster rauchst, kommt man noch einigermaßen billig davon, sobald aber Kinder oder Schwangere in der Nähe sind, erhöhen sich die Strafen drastisch. Ich weiß zwar nicht, was Kinder in einer Bar verloren haben, in der sich grölende Deutsche ansaufen, aber wenigstens erkennt man ein Kind, wenn man es sieht. Bei Schwangeren tut man sich da mitunter schon etwas schwerer, denn nicht alle Frauen sind so konstruiert, dass man zwischen einem harmlosen Fettpölsterchen und einer Schwangerschaftsrundung unterschieden kann. Aber um Geld zu sparen kann man ja im Notfall nachfragen.
Margit trifft sich am Abend wieder mit Freunden, um sich das Spiel Italien – Ukraine anzusehen. Ich will mir das Spiel auf dem Platz ansehen, den wir am Vorabend entdeckt haben. Zuerst fahre ich noch einmal nachhause, um zu duschen, ich will ja nicht, dass der Franzose glaubt, dass Österreicher stinken. Fast komme ich zu spät zum Spiel, weil ich beim Duschen unter Schmerzen feststellen muss, dass mir die Sonne meine Birne schon ziemlich aufgebrannt hat. Zusätzlich habe ich, weil ich den ganzen Tag in meinen Badeschlapfn herumgelaufen bin, eine böser Blase auf der Fußsohle, die höllisch schmerzt. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Mensch vor mir so starke Schmerzen jemals solche Schmerzen ertragen musste. Ich bin halt ein harter Hund. Also schleppe ich mich, vorbei an den furchterregenden Asseln in der Nähe des Bahnhofs, zur Fußballübertragung. Von der Weite höre ich schon die italienische Hymne, dreistimmig, wie man so schön sagt. Laut, falsch, und mit Begeisterung. Vor allem aber laut. Das Spiel entwickelt sich zu unser aller Zufriedenheit super für Italien, und nach dem Sieg wird natürlich so richtig gefeiert. Autocorsos durch die Stadt, die Via Nazionale wird gesperrt. Am nördlichen Ende der Nazionale, unweit des Bahnhofs, befindet sich der Piazza della Repubblica. Dort gibt’s auch einen schönen großen Brunnen, und es gilt als vereinbart, dass sich ganz Rom dort trifft und hineinspringt, wie schon nach dem letzten Sieg. Das ist natürlich nicht erlaubt, und weil die Polizei auch nicht dumm ist, hat sie den Platz abgeriegelt.
Für mich wird es Zeit, nachhause zu gehen, denn ich will nicht schon wieder vor verschlossenen Türen stehen. Vincent ist schon im Zimmer, und spricht mich diesmal auf Deutsch an. Vielleicht hat er den Tag dazu genutzt, einen Intensivkurs zu machen. Da er sich aber nicht für Fußball zu interessieren scheint, beschließe ich, nicht mehr mit ihm zu reden und begebe mich zur wohlverdienten Ruhe.
Donnerstag, 29. Juni 2006
Rom - Tag 1
Wie beginnt man am besten ein Tagebuch? Liebes Tagebuch, … nein! Da rede ich schon lieber übers Wetter: Am Donnerstagmorgen geht über Wien ein heftiges Gewitter nieder, nach Tagen der Hitze für viele eine willkommene Abwechslung. Ich bevorzuge ja eigentlich schönes Wetter, aber an diesem Tag ist mir das egal, denn in wenigen Stunden werde ich in Rom sein, wo mich herrliches Wetter erwartet.
Auf dem Weg zum Flughafen gibt mir meine Schwester, die Beste, noch die aktuellen Wetterdaten durch. Am Donnerstag bewölkter Himmel, Freitag bis Montag Sonne. Schöne Aussichten. Das mulmige Gefühl im Bauch, das sich wegen eines Abfluges bei so schlechten Wetterverhältnissen bei mir eingeschlichen hat, schwindet langsam.
Die Taxifahrt zum Flughafen ist mühsam. Manche Taxler scheinen sich in der Stadt wirklich nicht auszukennen, und mein Taxler wählt natürlich eine Route, die erstens ein Umweg, und zweitens aufgrund der Stoßzeit eine schlechte Wahl ist. Normalerweise würde man sagen, eh klar, der will einen aufs Kreuz legen, aber für die Fahrt zum Flughafen gibt’s einen Pauschalpreis, also akzeptiere ich ohne Reklamation die komische Fahrtroute.
In Wien ist das mit dem Verkehr so eine Sache. Bei schönem Wetter ist alles kein Problem, Totalsperren wie beim Busch-Besuch können den erfahrenen Autofahrern in Wien nichts anhaben, der Verkehr läuft wie geschmiert. Sobald es aber regnet, schaltet das Hirn der Wiener aus, und auf den Straßen herrscht das Chaos, sprich: es gibt Stau. Von den Verhältnissen bei Schneefall will ich hier gar nicht sprechen.
Kluger Mann, der ich bin, habe ich das natürlich einkalkuliert und bin rechtzeitig beim Flughafen. Am Check-In Schalter treffe ich Margit, die mich auf meiner Reise begleiten wird.
Wir betreten eine kleine Maschine der Alitalia, halb leer bleibt. Der Start verläuft problemlos, ebenso der Flug durch die Schlechtwetterzone. Richtiges Essen gibt es während des Fluges nicht, wir können zwischen einem Minisandwich mit Käse und Keksen wählen. Wir entscheiden uns für das Sandwich, die Stewardess gibt uns beides. Wir können nun bereits italienischen Boden unter uns sehen, das Wetter ist schön. Dafür gibt’s jetzt starke Turbulenzen. Das Wenige, das wir im Magen haben, können wir trotzdem bei uns behalten.
Wir landen in Rom, 10 Minuten vor der geplanten Ankunft, wie der Kapitän freudig bekannt gibt. Anscheinend hat sich diese freudige Nachricht aber nicht sehr weit herumgesprochen, denn wir müssen noch 10 Minuten im Flugzeug warten, bis der Shuttlebus kommt. Wenigstens hat bei der Landung keiner geklatscht.
Das Wetter ist natürlich genau so, wie es meine gute Schwester vorausgesagt hat, nämlich bewölkt. Eigentlich das beste Wetter für einen Stadtrundgang. Als wir aussteigen, werden wir eines besseren belehrt. Es ist drückend schwül, und trotz Bewölkung hat es über 30 Grad. Wir schleppen uns zur Gepäckausgabe.
Unser Italientrip war schon längere Zeit geplant. Wir sollen am Montag neue VolontärInnen aussuchen, die ab Herbst freiwillig einen Zivildienst in Österreich leisten werden. Dafür bezahlt die Regierung den Flug für Vertreter der Aufnahmeorganisationen. Und da der Flug ohnehin schon bezahlt wird, beschließen wir, noch ein paar Tage dranzuhängen, oder besser gesagt, hineinzuschieben, um Urlaub in Rom zu machen. Mehrmals frage ich bei unseren Partner an, ob es die Möglichkeit gibt, irgendwo ein Zimmer zu bekommen, aber bis zu unserem Abflug bekomme ich keine Antwort. Bei der Gepäckabgabe rufe ich nochmals im Büro an und lasse meine Emails checken, und zu meiner Verwunderung ist doch noch ein Mail gekommen: es stehen Zimmer zur Verfügung. Nun wissen wir wenigstens, wo wir hinfahren müssen.
Wir nehmen den Zug vom Flughafen nach Rom Termini. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir dort an. Die Station ist riesengroß und sehr modern, vergleichbar mit dem Bahnhof in Linz. Es dauert eine halbe Ewigkeit, vom Gleis 24 bis zum anderen Ende zu kommen, aber hier schon die erfreuliche Nachricht: Das Haus der Salesianer ist genau gegenüber des Bahnhofs. Wir kommen zur Rezeption und fragen nach unseren Zimmern. Mir wird mitgeteilt, dass ich mein Zimmer mit einem Franzosen namens Vincent teilen muss. Naja, wenns schon nix kostet, nehme ich das gerne in Kauf. Auch, dass es nur einen Schlüssel gibt, und der Franzose erst um halb 1 Uhr nachts ankommen wird.
Das Zimmer ist klein, aber sauber, mit WC und Dusche. Alles, was man braucht, denn viel werden wir uns dort ohnehin nicht aufhalten. Wir packen unsere Sachen aus, duschen und treffen uns im Hof. Wir beschließen, uns zuerst ein Eis zu besorgen und dann einen ersten Rundgang zu machen.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass Margit vor ein paar Jahren für ein Jahr in Rom gelebt hat, um zu studieren. Daher ist es nicht möglich, dass wir uns an der Ecke bei einem der zahlreichen Eisstände ein ebensolches holen, nein, wir müssen in ein bestimmtes Geschäft. Dorthin pilgern wir, und es zahlt sich tatsächlich aus, das Eis ist köstlich! Durch Zufall kommen wir bei einem Park mit einer großen Videoleinwand vorbei. Seit einigen Tagen findet ein großes Sommerfilmfestival statt, jeden Abend werden aktuelle Filme, auch Klassiker gezeigt. Und wenn die italienische Nationalmannschaft spielt, werden dort natürlich die Spiele übertragen. Gut zu wissen.
Wir wandern weiter zu einem der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde. Ich habe mir die Hügel erstens höher vorgestellt, und zweitens habe ich nicht geglaubt, dass sie so nahe beieinander liegen. Gut, früher lag das Niveau der Stadt natürlich tiefer, und wenn man eine Stadt gründet, hat sie natürlich nicht gleich 3 Millionen Einwohner. Trotzdem hätten die Hügel höher sein können.
Margit ist wirklich eine super Führerin. Sie weiß sehr viel über die Stadt, und was sie nicht weiß, liest sie mir aus einem Reiseführer vor. Fachmännisch, fachfräui…, also wirklich gut dirigiert sie mich durch die Stadt. Der erste große Höhepunkt lässt nicht lange auf sich warten, den Hügel hinab und wir stehen vor dem Kolosseum. Ein beeindruckender Bau. Einiges fehlt natürlich schon, weil sich die Römer nicht darum geschert haben, dass das Kolosseum ein Bauwerk von epochaler Bedeutung ist, haben sie Teile davon einfach verwendet, um andere Gebäude damit zu bauen. Das ist in Rom immer wieder vorgekommen, teilweise wurden auf Ruinen einfach Wohnhäuser gebaut, teilweise wurden bestehende Gebäude geplündert, um billiges Material für andere Bauwerke zu bekommen, wie zum Beispiel auch den Petersdom.
Das Kolosseum ist auf jeden Fall ein sehr imposantes Bauwerk, es muss so etwas wie das Olympiastadion der Antike gewesen sein. Vom Kolosseum gehen wir weiter zum Forum Romanum. Man sieht schon, in Rom jagt ein Highlight das andere. Quer über das Forum, die Stufen hinauf, sind wir schon beim Capitol. Wenn in Mauthausen schon das Gemeindeamt umgebaut wird, möchte ich gleich anregen, es nach diesem Vorbild zu bauen, denn das kann wirklich was. Es befindet sich auf einem Hügel, davor ein großer Platz, den kein geringerer als Michelangelo gestaltet hat. Die haben sich wirklich nicht lumpen lassen. Vom Capitol führen Stufen hinunter zur Piazza de Venezia, einem der Hauptverkehrspunkte in Rom. Hier läuft irgendwie alles zusammen. Der Platz ist ein riesengroßer Kreisverkehr mit Grünfläche in der Mitte. Über dem Platz thront ein riesengroßer, protziger, tempelartiger Palast. Das ist aber keinesfalls ein antikes Bauwerk, sondern hier wollte sich einfach ein reicher römischer Architekt ein Denkmal setzen. Er scheint dabei so übertrieben zu haben, dass zwischenzeitlich sogar davon die Rede war, den Bau wieder wegzureißen.
Von hier fahren wir mir dem Bus wieder zu unserer Unterkunft, denn wir haben uns mit Tobia, einem Mitarbeiter unserer italienischen Partner, zum Essen verabredet. Wie wollen gemeinsam nach Trastevere in eine In-Pizzeria. Wir wollen mit dem Bus dorthin fahren, ca. 30 Minuten. Tobia aber besteht darauf, uns mit seinem Plastikbombermoped zu fahren, denn das dauert nur 10 Minuten. Natürlich haben wir nicht zu dritt auf dem Ding Platz, also lautet der Plan, dass Tobia zuerst mich fährt und dann zurückkommt, um Margit zu holen. 10 Minuten hin, 10 Minuten zurück, wieder 10 Minuten hin. Man kann rechen, wie man will, 10 Minuten sind einfach kürzer als 30 Minuten.
Ich steige auf den Rücksitz und frage nach einem Helm. Tobia hat glaub ich nicht damit gerechnet, dass ich auch einen Helm brauchen könnte, aber in dem Moment, als ich frage, sieht er eine Polizeistreife und ist plötzlich auch der Meinung, dass ich einen Helm brauche. Wir fahren los. Eine ziemlich abenteuerliche Fahrt. Die Straßen sind sehr holprig, da sie größtenteils nicht asphaltiert, sondern gepflastert sind. Das sieht zwar schön aus, ist aber beim Moped fahren und auch beim Bus fahren nicht so lustig. Die Fahrt mit dem Moped selbst ist auch nicht lustig. Eine rote Ampel bedeutet in Italien anscheinend nicht, dass man stehen bleiben muss, sondern nur, dass man aufpassen muss, wenn man über die Kreuzung fährt. Wir schlängeln uns durch Autos, und als wir einen Bus schneiden, der uns wie verrückt nachhupt, kann ich gerade noch mein Knie fest ans Gefährt drücken, bevor es vom Bus abgetrennt wird. Nach 15 Minuten hat die Höllenfahrt ein Ende, Tobia setzt mich ab, um Margit zu holen.
Wir kommen also zu einer Pizzeria, in die ich sonst nie freiwillige hineingehen würde. Sie liegt direkt an einer viel befahrenen Durchzugsstraße. Die Tische sind eng zusammengepfercht, und alles ist bummvoll. Die Leute stehen Schlange, um einen Tisch zu ergattern. Ich stelle mich an, ziemlich hilflos, denn bis ich mitbekomme, dass der Kellner anzeigt, dass Plätze frei geworden sind, sind diese auch schon wieder vergeben. Neben mir in der Schlange steht Ozzy Osborne, zumindest sieht er so aus. Und riecht auch so. Nach einer halben Stunde Wartezeit bekommen wir endlich einen Tisch. Wir sitzen neben einem Pärchen, das Tobia sofort anspricht. Wir bekommen daraufhin deren Wasser, und Tobia schwatzt der jungen Dame gleich mal ein Stück von ihrer Pizza ab. Wir essen ganz gut, und kommen auch mit dem Pärchen ins Gespräch. Wie der Zufall so will, stellt sich heraus, dass sie sich auch für einen Zivildienst beworben hat, bei der Organisation der Don Bosco Schwestern. Telefonnummern werden ausgetauscht, damit man ein gutes Wort einlegen kann.
Auch sonst erfahren wir noch einiges. Zum Beispiel, dass wir für unser Zimmer bezahlen müssen. Grundsätzlich ist das ja kein Problem, aber wenn ich für ein Zimmer bezahle, dann möchte ich nicht, dass man mir, ohne mich zu fragen, einen wildfremden Franzosen ins Zimmer legt. Ich bin ein wenig sauer. Es ist nämlich auch so, dass die Pforte im Haus um 23.30 schließt, und danach gibt es keine Möglichkeit mehr, hineinzukommen.
Wir bezahlen und wollen nach Hause fahren, diesmal mit dem Bus. Tobia schlägt noch einen Rundgang durch den Stadtbezirk vor, denn es sei kein Problem, wenn wir ein wenig später im Haus ankommen, der Potier ist sicher bis 23.45 oder gar Mitternacht noch da. Schließlich muss er sich auch die Zeit vertreiben, bis er Vincent am Flughafen abholt. Es ist ein schöner Rundgang durch das Ausgehviertel, das in den letzten Jahren wiederbelebt wurde. Danach fahren wir mit dem Bus nach Hause und kommen um 23.45 beim Haus, das, wie hätte es anders sein sollen, fest versperrt ist, an. Wir konstatieren bei den Italienern eine gewisse Inkonsequenz der Unpünktlichkeit, denn diese scheint sich nur auf das Kommen, nicht aber auf das Gehen zu beziehen. Wir rufen Tobia unter der Nummer an, die er uns gegeben hat, aber er antwortet nicht. Wir befürchten schon, vor dem Tor warten zu müssen, bis er vom Flughafen zurückkommt, aber Gott sei Dank kommt nach einigen Minuten ein Salesianer nach Hause, der und hineinlässt. Glück gehabt.
Auf dem Weg zum Flughafen gibt mir meine Schwester, die Beste, noch die aktuellen Wetterdaten durch. Am Donnerstag bewölkter Himmel, Freitag bis Montag Sonne. Schöne Aussichten. Das mulmige Gefühl im Bauch, das sich wegen eines Abfluges bei so schlechten Wetterverhältnissen bei mir eingeschlichen hat, schwindet langsam.
Die Taxifahrt zum Flughafen ist mühsam. Manche Taxler scheinen sich in der Stadt wirklich nicht auszukennen, und mein Taxler wählt natürlich eine Route, die erstens ein Umweg, und zweitens aufgrund der Stoßzeit eine schlechte Wahl ist. Normalerweise würde man sagen, eh klar, der will einen aufs Kreuz legen, aber für die Fahrt zum Flughafen gibt’s einen Pauschalpreis, also akzeptiere ich ohne Reklamation die komische Fahrtroute.
In Wien ist das mit dem Verkehr so eine Sache. Bei schönem Wetter ist alles kein Problem, Totalsperren wie beim Busch-Besuch können den erfahrenen Autofahrern in Wien nichts anhaben, der Verkehr läuft wie geschmiert. Sobald es aber regnet, schaltet das Hirn der Wiener aus, und auf den Straßen herrscht das Chaos, sprich: es gibt Stau. Von den Verhältnissen bei Schneefall will ich hier gar nicht sprechen.
Kluger Mann, der ich bin, habe ich das natürlich einkalkuliert und bin rechtzeitig beim Flughafen. Am Check-In Schalter treffe ich Margit, die mich auf meiner Reise begleiten wird.
Wir betreten eine kleine Maschine der Alitalia, halb leer bleibt. Der Start verläuft problemlos, ebenso der Flug durch die Schlechtwetterzone. Richtiges Essen gibt es während des Fluges nicht, wir können zwischen einem Minisandwich mit Käse und Keksen wählen. Wir entscheiden uns für das Sandwich, die Stewardess gibt uns beides. Wir können nun bereits italienischen Boden unter uns sehen, das Wetter ist schön. Dafür gibt’s jetzt starke Turbulenzen. Das Wenige, das wir im Magen haben, können wir trotzdem bei uns behalten.
Wir landen in Rom, 10 Minuten vor der geplanten Ankunft, wie der Kapitän freudig bekannt gibt. Anscheinend hat sich diese freudige Nachricht aber nicht sehr weit herumgesprochen, denn wir müssen noch 10 Minuten im Flugzeug warten, bis der Shuttlebus kommt. Wenigstens hat bei der Landung keiner geklatscht.
Das Wetter ist natürlich genau so, wie es meine gute Schwester vorausgesagt hat, nämlich bewölkt. Eigentlich das beste Wetter für einen Stadtrundgang. Als wir aussteigen, werden wir eines besseren belehrt. Es ist drückend schwül, und trotz Bewölkung hat es über 30 Grad. Wir schleppen uns zur Gepäckausgabe.
Unser Italientrip war schon längere Zeit geplant. Wir sollen am Montag neue VolontärInnen aussuchen, die ab Herbst freiwillig einen Zivildienst in Österreich leisten werden. Dafür bezahlt die Regierung den Flug für Vertreter der Aufnahmeorganisationen. Und da der Flug ohnehin schon bezahlt wird, beschließen wir, noch ein paar Tage dranzuhängen, oder besser gesagt, hineinzuschieben, um Urlaub in Rom zu machen. Mehrmals frage ich bei unseren Partner an, ob es die Möglichkeit gibt, irgendwo ein Zimmer zu bekommen, aber bis zu unserem Abflug bekomme ich keine Antwort. Bei der Gepäckabgabe rufe ich nochmals im Büro an und lasse meine Emails checken, und zu meiner Verwunderung ist doch noch ein Mail gekommen: es stehen Zimmer zur Verfügung. Nun wissen wir wenigstens, wo wir hinfahren müssen.
Wir nehmen den Zug vom Flughafen nach Rom Termini. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir dort an. Die Station ist riesengroß und sehr modern, vergleichbar mit dem Bahnhof in Linz. Es dauert eine halbe Ewigkeit, vom Gleis 24 bis zum anderen Ende zu kommen, aber hier schon die erfreuliche Nachricht: Das Haus der Salesianer ist genau gegenüber des Bahnhofs. Wir kommen zur Rezeption und fragen nach unseren Zimmern. Mir wird mitgeteilt, dass ich mein Zimmer mit einem Franzosen namens Vincent teilen muss. Naja, wenns schon nix kostet, nehme ich das gerne in Kauf. Auch, dass es nur einen Schlüssel gibt, und der Franzose erst um halb 1 Uhr nachts ankommen wird.
Das Zimmer ist klein, aber sauber, mit WC und Dusche. Alles, was man braucht, denn viel werden wir uns dort ohnehin nicht aufhalten. Wir packen unsere Sachen aus, duschen und treffen uns im Hof. Wir beschließen, uns zuerst ein Eis zu besorgen und dann einen ersten Rundgang zu machen.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass Margit vor ein paar Jahren für ein Jahr in Rom gelebt hat, um zu studieren. Daher ist es nicht möglich, dass wir uns an der Ecke bei einem der zahlreichen Eisstände ein ebensolches holen, nein, wir müssen in ein bestimmtes Geschäft. Dorthin pilgern wir, und es zahlt sich tatsächlich aus, das Eis ist köstlich! Durch Zufall kommen wir bei einem Park mit einer großen Videoleinwand vorbei. Seit einigen Tagen findet ein großes Sommerfilmfestival statt, jeden Abend werden aktuelle Filme, auch Klassiker gezeigt. Und wenn die italienische Nationalmannschaft spielt, werden dort natürlich die Spiele übertragen. Gut zu wissen.
Wir wandern weiter zu einem der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde. Ich habe mir die Hügel erstens höher vorgestellt, und zweitens habe ich nicht geglaubt, dass sie so nahe beieinander liegen. Gut, früher lag das Niveau der Stadt natürlich tiefer, und wenn man eine Stadt gründet, hat sie natürlich nicht gleich 3 Millionen Einwohner. Trotzdem hätten die Hügel höher sein können.
Margit ist wirklich eine super Führerin. Sie weiß sehr viel über die Stadt, und was sie nicht weiß, liest sie mir aus einem Reiseführer vor. Fachmännisch, fachfräui…, also wirklich gut dirigiert sie mich durch die Stadt. Der erste große Höhepunkt lässt nicht lange auf sich warten, den Hügel hinab und wir stehen vor dem Kolosseum. Ein beeindruckender Bau. Einiges fehlt natürlich schon, weil sich die Römer nicht darum geschert haben, dass das Kolosseum ein Bauwerk von epochaler Bedeutung ist, haben sie Teile davon einfach verwendet, um andere Gebäude damit zu bauen. Das ist in Rom immer wieder vorgekommen, teilweise wurden auf Ruinen einfach Wohnhäuser gebaut, teilweise wurden bestehende Gebäude geplündert, um billiges Material für andere Bauwerke zu bekommen, wie zum Beispiel auch den Petersdom.
Das Kolosseum ist auf jeden Fall ein sehr imposantes Bauwerk, es muss so etwas wie das Olympiastadion der Antike gewesen sein. Vom Kolosseum gehen wir weiter zum Forum Romanum. Man sieht schon, in Rom jagt ein Highlight das andere. Quer über das Forum, die Stufen hinauf, sind wir schon beim Capitol. Wenn in Mauthausen schon das Gemeindeamt umgebaut wird, möchte ich gleich anregen, es nach diesem Vorbild zu bauen, denn das kann wirklich was. Es befindet sich auf einem Hügel, davor ein großer Platz, den kein geringerer als Michelangelo gestaltet hat. Die haben sich wirklich nicht lumpen lassen. Vom Capitol führen Stufen hinunter zur Piazza de Venezia, einem der Hauptverkehrspunkte in Rom. Hier läuft irgendwie alles zusammen. Der Platz ist ein riesengroßer Kreisverkehr mit Grünfläche in der Mitte. Über dem Platz thront ein riesengroßer, protziger, tempelartiger Palast. Das ist aber keinesfalls ein antikes Bauwerk, sondern hier wollte sich einfach ein reicher römischer Architekt ein Denkmal setzen. Er scheint dabei so übertrieben zu haben, dass zwischenzeitlich sogar davon die Rede war, den Bau wieder wegzureißen.
Von hier fahren wir mir dem Bus wieder zu unserer Unterkunft, denn wir haben uns mit Tobia, einem Mitarbeiter unserer italienischen Partner, zum Essen verabredet. Wie wollen gemeinsam nach Trastevere in eine In-Pizzeria. Wir wollen mit dem Bus dorthin fahren, ca. 30 Minuten. Tobia aber besteht darauf, uns mit seinem Plastikbombermoped zu fahren, denn das dauert nur 10 Minuten. Natürlich haben wir nicht zu dritt auf dem Ding Platz, also lautet der Plan, dass Tobia zuerst mich fährt und dann zurückkommt, um Margit zu holen. 10 Minuten hin, 10 Minuten zurück, wieder 10 Minuten hin. Man kann rechen, wie man will, 10 Minuten sind einfach kürzer als 30 Minuten.
Ich steige auf den Rücksitz und frage nach einem Helm. Tobia hat glaub ich nicht damit gerechnet, dass ich auch einen Helm brauchen könnte, aber in dem Moment, als ich frage, sieht er eine Polizeistreife und ist plötzlich auch der Meinung, dass ich einen Helm brauche. Wir fahren los. Eine ziemlich abenteuerliche Fahrt. Die Straßen sind sehr holprig, da sie größtenteils nicht asphaltiert, sondern gepflastert sind. Das sieht zwar schön aus, ist aber beim Moped fahren und auch beim Bus fahren nicht so lustig. Die Fahrt mit dem Moped selbst ist auch nicht lustig. Eine rote Ampel bedeutet in Italien anscheinend nicht, dass man stehen bleiben muss, sondern nur, dass man aufpassen muss, wenn man über die Kreuzung fährt. Wir schlängeln uns durch Autos, und als wir einen Bus schneiden, der uns wie verrückt nachhupt, kann ich gerade noch mein Knie fest ans Gefährt drücken, bevor es vom Bus abgetrennt wird. Nach 15 Minuten hat die Höllenfahrt ein Ende, Tobia setzt mich ab, um Margit zu holen.
Wir kommen also zu einer Pizzeria, in die ich sonst nie freiwillige hineingehen würde. Sie liegt direkt an einer viel befahrenen Durchzugsstraße. Die Tische sind eng zusammengepfercht, und alles ist bummvoll. Die Leute stehen Schlange, um einen Tisch zu ergattern. Ich stelle mich an, ziemlich hilflos, denn bis ich mitbekomme, dass der Kellner anzeigt, dass Plätze frei geworden sind, sind diese auch schon wieder vergeben. Neben mir in der Schlange steht Ozzy Osborne, zumindest sieht er so aus. Und riecht auch so. Nach einer halben Stunde Wartezeit bekommen wir endlich einen Tisch. Wir sitzen neben einem Pärchen, das Tobia sofort anspricht. Wir bekommen daraufhin deren Wasser, und Tobia schwatzt der jungen Dame gleich mal ein Stück von ihrer Pizza ab. Wir essen ganz gut, und kommen auch mit dem Pärchen ins Gespräch. Wie der Zufall so will, stellt sich heraus, dass sie sich auch für einen Zivildienst beworben hat, bei der Organisation der Don Bosco Schwestern. Telefonnummern werden ausgetauscht, damit man ein gutes Wort einlegen kann.
Auch sonst erfahren wir noch einiges. Zum Beispiel, dass wir für unser Zimmer bezahlen müssen. Grundsätzlich ist das ja kein Problem, aber wenn ich für ein Zimmer bezahle, dann möchte ich nicht, dass man mir, ohne mich zu fragen, einen wildfremden Franzosen ins Zimmer legt. Ich bin ein wenig sauer. Es ist nämlich auch so, dass die Pforte im Haus um 23.30 schließt, und danach gibt es keine Möglichkeit mehr, hineinzukommen.
Wir bezahlen und wollen nach Hause fahren, diesmal mit dem Bus. Tobia schlägt noch einen Rundgang durch den Stadtbezirk vor, denn es sei kein Problem, wenn wir ein wenig später im Haus ankommen, der Potier ist sicher bis 23.45 oder gar Mitternacht noch da. Schließlich muss er sich auch die Zeit vertreiben, bis er Vincent am Flughafen abholt. Es ist ein schöner Rundgang durch das Ausgehviertel, das in den letzten Jahren wiederbelebt wurde. Danach fahren wir mit dem Bus nach Hause und kommen um 23.45 beim Haus, das, wie hätte es anders sein sollen, fest versperrt ist, an. Wir konstatieren bei den Italienern eine gewisse Inkonsequenz der Unpünktlichkeit, denn diese scheint sich nur auf das Kommen, nicht aber auf das Gehen zu beziehen. Wir rufen Tobia unter der Nummer an, die er uns gegeben hat, aber er antwortet nicht. Wir befürchten schon, vor dem Tor warten zu müssen, bis er vom Flughafen zurückkommt, aber Gott sei Dank kommt nach einigen Minuten ein Salesianer nach Hause, der und hineinlässt. Glück gehabt.
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