Donnerstag, 29. Juni 2006

Rom - Tag 1

Wie beginnt man am besten ein Tagebuch? Liebes Tagebuch, … nein! Da rede ich schon lieber übers Wetter: Am Donnerstagmorgen geht über Wien ein heftiges Gewitter nieder, nach Tagen der Hitze für viele eine willkommene Abwechslung. Ich bevorzuge ja eigentlich schönes Wetter, aber an diesem Tag ist mir das egal, denn in wenigen Stunden werde ich in Rom sein, wo mich herrliches Wetter erwartet.

Auf dem Weg zum Flughafen gibt mir meine Schwester, die Beste, noch die aktuellen Wetterdaten durch. Am Donnerstag bewölkter Himmel, Freitag bis Montag Sonne. Schöne Aussichten. Das mulmige Gefühl im Bauch, das sich wegen eines Abfluges bei so schlechten Wetterverhältnissen bei mir eingeschlichen hat, schwindet langsam.

Die Taxifahrt zum Flughafen ist mühsam. Manche Taxler scheinen sich in der Stadt wirklich nicht auszukennen, und mein Taxler wählt natürlich eine Route, die erstens ein Umweg, und zweitens aufgrund der Stoßzeit eine schlechte Wahl ist. Normalerweise würde man sagen, eh klar, der will einen aufs Kreuz legen, aber für die Fahrt zum Flughafen gibt’s einen Pauschalpreis, also akzeptiere ich ohne Reklamation die komische Fahrtroute.

In Wien ist das mit dem Verkehr so eine Sache. Bei schönem Wetter ist alles kein Problem, Totalsperren wie beim Busch-Besuch können den erfahrenen Autofahrern in Wien nichts anhaben, der Verkehr läuft wie geschmiert. Sobald es aber regnet, schaltet das Hirn der Wiener aus, und auf den Straßen herrscht das Chaos, sprich: es gibt Stau. Von den Verhältnissen bei Schneefall will ich hier gar nicht sprechen.

Kluger Mann, der ich bin, habe ich das natürlich einkalkuliert und bin rechtzeitig beim Flughafen. Am Check-In Schalter treffe ich Margit, die mich auf meiner Reise begleiten wird.

Wir betreten eine kleine Maschine der Alitalia, halb leer bleibt. Der Start verläuft problemlos, ebenso der Flug durch die Schlechtwetterzone. Richtiges Essen gibt es während des Fluges nicht, wir können zwischen einem Minisandwich mit Käse und Keksen wählen. Wir entscheiden uns für das Sandwich, die Stewardess gibt uns beides. Wir können nun bereits italienischen Boden unter uns sehen, das Wetter ist schön. Dafür gibt’s jetzt starke Turbulenzen. Das Wenige, das wir im Magen haben, können wir trotzdem bei uns behalten.

Wir landen in Rom, 10 Minuten vor der geplanten Ankunft, wie der Kapitän freudig bekannt gibt. Anscheinend hat sich diese freudige Nachricht aber nicht sehr weit herumgesprochen, denn wir müssen noch 10 Minuten im Flugzeug warten, bis der Shuttlebus kommt. Wenigstens hat bei der Landung keiner geklatscht.

Das Wetter ist natürlich genau so, wie es meine gute Schwester vorausgesagt hat, nämlich bewölkt. Eigentlich das beste Wetter für einen Stadtrundgang. Als wir aussteigen, werden wir eines besseren belehrt. Es ist drückend schwül, und trotz Bewölkung hat es über 30 Grad. Wir schleppen uns zur Gepäckausgabe.

Unser Italientrip war schon längere Zeit geplant. Wir sollen am Montag neue VolontärInnen aussuchen, die ab Herbst freiwillig einen Zivildienst in Österreich leisten werden. Dafür bezahlt die Regierung den Flug für Vertreter der Aufnahmeorganisationen. Und da der Flug ohnehin schon bezahlt wird, beschließen wir, noch ein paar Tage dranzuhängen, oder besser gesagt, hineinzuschieben, um Urlaub in Rom zu machen. Mehrmals frage ich bei unseren Partner an, ob es die Möglichkeit gibt, irgendwo ein Zimmer zu bekommen, aber bis zu unserem Abflug bekomme ich keine Antwort. Bei der Gepäckabgabe rufe ich nochmals im Büro an und lasse meine Emails checken, und zu meiner Verwunderung ist doch noch ein Mail gekommen: es stehen Zimmer zur Verfügung. Nun wissen wir wenigstens, wo wir hinfahren müssen.

Wir nehmen den Zug vom Flughafen nach Rom Termini. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir dort an. Die Station ist riesengroß und sehr modern, vergleichbar mit dem Bahnhof in Linz. Es dauert eine halbe Ewigkeit, vom Gleis 24 bis zum anderen Ende zu kommen, aber hier schon die erfreuliche Nachricht: Das Haus der Salesianer ist genau gegenüber des Bahnhofs. Wir kommen zur Rezeption und fragen nach unseren Zimmern. Mir wird mitgeteilt, dass ich mein Zimmer mit einem Franzosen namens Vincent teilen muss. Naja, wenns schon nix kostet, nehme ich das gerne in Kauf. Auch, dass es nur einen Schlüssel gibt, und der Franzose erst um halb 1 Uhr nachts ankommen wird.

Das Zimmer ist klein, aber sauber, mit WC und Dusche. Alles, was man braucht, denn viel werden wir uns dort ohnehin nicht aufhalten. Wir packen unsere Sachen aus, duschen und treffen uns im Hof. Wir beschließen, uns zuerst ein Eis zu besorgen und dann einen ersten Rundgang zu machen.

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass Margit vor ein paar Jahren für ein Jahr in Rom gelebt hat, um zu studieren. Daher ist es nicht möglich, dass wir uns an der Ecke bei einem der zahlreichen Eisstände ein ebensolches holen, nein, wir müssen in ein bestimmtes Geschäft. Dorthin pilgern wir, und es zahlt sich tatsächlich aus, das Eis ist köstlich! Durch Zufall kommen wir bei einem Park mit einer großen Videoleinwand vorbei. Seit einigen Tagen findet ein großes Sommerfilmfestival statt, jeden Abend werden aktuelle Filme, auch Klassiker gezeigt. Und wenn die italienische Nationalmannschaft spielt, werden dort natürlich die Spiele übertragen. Gut zu wissen.

Wir wandern weiter zu einem der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde. Ich habe mir die Hügel erstens höher vorgestellt, und zweitens habe ich nicht geglaubt, dass sie so nahe beieinander liegen. Gut, früher lag das Niveau der Stadt natürlich tiefer, und wenn man eine Stadt gründet, hat sie natürlich nicht gleich 3 Millionen Einwohner. Trotzdem hätten die Hügel höher sein können.

Margit ist wirklich eine super Führerin. Sie weiß sehr viel über die Stadt, und was sie nicht weiß, liest sie mir aus einem Reiseführer vor. Fachmännisch, fachfräui…, also wirklich gut dirigiert sie mich durch die Stadt. Der erste große Höhepunkt lässt nicht lange auf sich warten, den Hügel hinab und wir stehen vor dem Kolosseum. Ein beeindruckender Bau. Einiges fehlt natürlich schon, weil sich die Römer nicht darum geschert haben, dass das Kolosseum ein Bauwerk von epochaler Bedeutung ist, haben sie Teile davon einfach verwendet, um andere Gebäude damit zu bauen. Das ist in Rom immer wieder vorgekommen, teilweise wurden auf Ruinen einfach Wohnhäuser gebaut, teilweise wurden bestehende Gebäude geplündert, um billiges Material für andere Bauwerke zu bekommen, wie zum Beispiel auch den Petersdom.

Das Kolosseum ist auf jeden Fall ein sehr imposantes Bauwerk, es muss so etwas wie das Olympiastadion der Antike gewesen sein. Vom Kolosseum gehen wir weiter zum Forum Romanum. Man sieht schon, in Rom jagt ein Highlight das andere. Quer über das Forum, die Stufen hinauf, sind wir schon beim Capitol. Wenn in Mauthausen schon das Gemeindeamt umgebaut wird, möchte ich gleich anregen, es nach diesem Vorbild zu bauen, denn das kann wirklich was. Es befindet sich auf einem Hügel, davor ein großer Platz, den kein geringerer als Michelangelo gestaltet hat. Die haben sich wirklich nicht lumpen lassen. Vom Capitol führen Stufen hinunter zur Piazza de Venezia, einem der Hauptverkehrspunkte in Rom. Hier läuft irgendwie alles zusammen. Der Platz ist ein riesengroßer Kreisverkehr mit Grünfläche in der Mitte. Über dem Platz thront ein riesengroßer, protziger, tempelartiger Palast. Das ist aber keinesfalls ein antikes Bauwerk, sondern hier wollte sich einfach ein reicher römischer Architekt ein Denkmal setzen. Er scheint dabei so übertrieben zu haben, dass zwischenzeitlich sogar davon die Rede war, den Bau wieder wegzureißen.

Von hier fahren wir mir dem Bus wieder zu unserer Unterkunft, denn wir haben uns mit Tobia, einem Mitarbeiter unserer italienischen Partner, zum Essen verabredet. Wie wollen gemeinsam nach Trastevere in eine In-Pizzeria. Wir wollen mit dem Bus dorthin fahren, ca. 30 Minuten. Tobia aber besteht darauf, uns mit seinem Plastikbombermoped zu fahren, denn das dauert nur 10 Minuten. Natürlich haben wir nicht zu dritt auf dem Ding Platz, also lautet der Plan, dass Tobia zuerst mich fährt und dann zurückkommt, um Margit zu holen. 10 Minuten hin, 10 Minuten zurück, wieder 10 Minuten hin. Man kann rechen, wie man will, 10 Minuten sind einfach kürzer als 30 Minuten.

Ich steige auf den Rücksitz und frage nach einem Helm. Tobia hat glaub ich nicht damit gerechnet, dass ich auch einen Helm brauchen könnte, aber in dem Moment, als ich frage, sieht er eine Polizeistreife und ist plötzlich auch der Meinung, dass ich einen Helm brauche. Wir fahren los. Eine ziemlich abenteuerliche Fahrt. Die Straßen sind sehr holprig, da sie größtenteils nicht asphaltiert, sondern gepflastert sind. Das sieht zwar schön aus, ist aber beim Moped fahren und auch beim Bus fahren nicht so lustig. Die Fahrt mit dem Moped selbst ist auch nicht lustig. Eine rote Ampel bedeutet in Italien anscheinend nicht, dass man stehen bleiben muss, sondern nur, dass man aufpassen muss, wenn man über die Kreuzung fährt. Wir schlängeln uns durch Autos, und als wir einen Bus schneiden, der uns wie verrückt nachhupt, kann ich gerade noch mein Knie fest ans Gefährt drücken, bevor es vom Bus abgetrennt wird. Nach 15 Minuten hat die Höllenfahrt ein Ende, Tobia setzt mich ab, um Margit zu holen.

Wir kommen also zu einer Pizzeria, in die ich sonst nie freiwillige hineingehen würde. Sie liegt direkt an einer viel befahrenen Durchzugsstraße. Die Tische sind eng zusammengepfercht, und alles ist bummvoll. Die Leute stehen Schlange, um einen Tisch zu ergattern. Ich stelle mich an, ziemlich hilflos, denn bis ich mitbekomme, dass der Kellner anzeigt, dass Plätze frei geworden sind, sind diese auch schon wieder vergeben. Neben mir in der Schlange steht Ozzy Osborne, zumindest sieht er so aus. Und riecht auch so. Nach einer halben Stunde Wartezeit bekommen wir endlich einen Tisch. Wir sitzen neben einem Pärchen, das Tobia sofort anspricht. Wir bekommen daraufhin deren Wasser, und Tobia schwatzt der jungen Dame gleich mal ein Stück von ihrer Pizza ab. Wir essen ganz gut, und kommen auch mit dem Pärchen ins Gespräch. Wie der Zufall so will, stellt sich heraus, dass sie sich auch für einen Zivildienst beworben hat, bei der Organisation der Don Bosco Schwestern. Telefonnummern werden ausgetauscht, damit man ein gutes Wort einlegen kann.

Auch sonst erfahren wir noch einiges. Zum Beispiel, dass wir für unser Zimmer bezahlen müssen. Grundsätzlich ist das ja kein Problem, aber wenn ich für ein Zimmer bezahle, dann möchte ich nicht, dass man mir, ohne mich zu fragen, einen wildfremden Franzosen ins Zimmer legt. Ich bin ein wenig sauer. Es ist nämlich auch so, dass die Pforte im Haus um 23.30 schließt, und danach gibt es keine Möglichkeit mehr, hineinzukommen.

Wir bezahlen und wollen nach Hause fahren, diesmal mit dem Bus. Tobia schlägt noch einen Rundgang durch den Stadtbezirk vor, denn es sei kein Problem, wenn wir ein wenig später im Haus ankommen, der Potier ist sicher bis 23.45 oder gar Mitternacht noch da. Schließlich muss er sich auch die Zeit vertreiben, bis er Vincent am Flughafen abholt. Es ist ein schöner Rundgang durch das Ausgehviertel, das in den letzten Jahren wiederbelebt wurde. Danach fahren wir mit dem Bus nach Hause und kommen um 23.45 beim Haus, das, wie hätte es anders sein sollen, fest versperrt ist, an. Wir konstatieren bei den Italienern eine gewisse Inkonsequenz der Unpünktlichkeit, denn diese scheint sich nur auf das Kommen, nicht aber auf das Gehen zu beziehen. Wir rufen Tobia unter der Nummer an, die er uns gegeben hat, aber er antwortet nicht. Wir befürchten schon, vor dem Tor warten zu müssen, bis er vom Flughafen zurückkommt, aber Gott sei Dank kommt nach einigen Minuten ein Salesianer nach Hause, der und hineinlässt. Glück gehabt.

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