Samstag, 1. Juli 2006

Rom - Tag 3

Die Sixtinische Kapelle ist in der Stadt!

Wie mir zu Ohren gekommen ist, gibt die Sixtinischen Kapelle ein Dauergastspiel in Rom, und obwohl ich, wie ja allgemein bekannt ist, nicht unbedingt auf Blasmusik stehe, kann ich mir das trotzdem nicht entgehen lassen. Margit ist wieder mit von der Partie, und wir besuchen zuerst, weil ja gleich ums Eck, den Petersplatz und den Petersdom.

Wir fahren erstmals mit der U-Bahn, und das ist gar nicht so kompliziert. Es gibt ja nur 2 Linien (eine blaue und eine rote, wie in Wien ist das für Analphabeten und Landeier ein einfaches, aber geniales Unterscheidungsmerkmal), und die kreuzen sich praktischerweise am Bahnhof. Mit der roten Linie, übrigens super klimatisiert, geht’s zur Station Otttaviano-San Pietro. Es ist wieder ururheiß, und schwitze wie ein Schweindl. Trotz der Befürchtung, dass mir ein Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in die Augen schießen wird, habe ich mich heute eingeschmiert, weil Margit am Vortag mit mir geschimpft hat.

Bei unserer Ankunft ein Schock: Ich sehe die Schlange, die sich um Tickets für die Sixtinische Kapelle anstellt. Ich fotografiere 2 Mauerlängen voller Leute. Lange Mauern. Und all diese Groupies stehen in der prallen Sonne und warten. Die Kapelle muss ja wirklich gut sein. Margit hat mich zwar schon gewarnt, dass man sich ca. eine Stunde anstellen muss, um an Tickets zu gelangen, aber diese Massen übertreffen meine schlimmsten Befürchtungen.

Zuerst aber an der Schlange vorbei zum Petersplatz. Ein riesiger Platz, richtig schön aufgeheizt von der Sonne, erstreckt sich vor uns. Oval, 300 irgendwas Meter lang und 200 irgendwas Meter breit. In der Mitte ein riesiger Obelisk, links und rechts davon jeweils ein Brunnen. Am Anfang stand dort nur ein Brunnen, aber weil ja alles schön symmetrisch sein muss, wurde der zweite ein paar Jahrzehnte danach noch hinzugefügt. Für ganz Rom gilt, dass ein Großteil der Werke entweder von Bernini oder Michelangelo sind, und so auch der Vatikan. Bernini hat sich diesmal aber besonders angestrengt und auch noch ein paar kleine Features in den Platz eingebaut, die informierte Besucher auch heute noch in staunen versetzen. Der Platz ist zu zwei Seiten von Säulenhallen umgeben. 284 Säulen, jede ca. 15 Meter hoch, jeweils 4 Säulen hintereinander. Und jetzt kommt der Trick: Bernini war in Mathe nämlich ein ziemliches Genie, ungefähr so wie der Datterl Karl. Und weil er so ein Wiffzack war, hat er es auch geschafft, die Brennpunkte des ellipsenförmigen Platzes auszurechnen. Wenn man nämlich genau im Brennpunkt steht, wirkt es nämlich, als wenn es nicht 4 Säulen wären, sondern nur eine! Und weil Bernini kein egozentrisches Arschloch war und genau wusste, dass es auch in zukünftigen Zeiten für Normalsterbliche nicht möglich sein würde, die Brennpunkte einer Ellipse selbst zu berechnen, war er so nett und hat an den Brennpunkte Marmortafeln in den Platz einbauen lassen, sodass nicht alle Leute wie die Hendln auf dem Platz herumlaufen und sich einen Sonnenstich holen. Außerdem hätte es dem Papst sicher nicht gefallen, wenn in der Kirche dann lauter Leute sitzen, die wirres Zeug schwafeln.
Auf den Säulen drauf stehen rundherum noch 140 Heiligenstatuen, jede über 3 Meter hoch, von Bernini in Rekordzeit, quasi wie am Fließband, produziert. Manche Statuen gibt’s zwar doppelt, eine Leistung wars aber allemal.

Wahrscheinlich werden sich jetzt viele denken: „Na was der Steve nicht alles über Rom weiß!“. Natürlich weiß ich viel über Rom, und ich gebe auch gerne mit diesem Wissen an. Ich muss aber dazu sagen, dass ich dieses Wissen der lieben Margit und dem schlauen Rombüchlein, das sie ständig bei sich trägt, verdanke. Irgendwie ist das Ganze mit Margit noch interessanter. Ich meine jetzt abgesehen davon, dass mir weibliche Begleitung ja nie unbedingt zuwider ist. Frauen sind ja in meinen Augen…

… ich merke, dass ich schon wieder abschweife. Wir stehen also auf dem Petersplatz vor dem Petersdom. Um dort hinein zu gelangen, kommt man nicht um Metalldetektoren herum. Wir stellen uns an, lassen unser Gepäck durchsuchen und geben es dann an der Garderobe ab. Ja, man höre und staune: da haben die in die berühmtesten Kirche der Welt doch glatt eine Garderobe eingebaut! Noch dazu gratis zu benützen. Wir betreten den Petersdom, und es eröffnet sich ein überwältigender Blick. Normalerweise schaue ich mir ja gar nicht gerne Kirchen an, weil das eh immer das Gleiche ist, aber in Rom ist das anders. Die Kirchen sind einfach lässig, weil es immer etwas Besonderes zu sehen gibt. Der Petersdom ist da natürlich das beste Beispiel, und er ist wirklich auch für Leute interessant, die mit Kirchen gar nix am Hut haben. Ich bin davon überzeugt, in diese Kirche würde auch meine Schwester freiwillig gehen, sogar ohne persönliche Einladung vom Papst. Der gute Benedikt dürfte sich übrigens auf Urlaub befunden haben, denn obwohl wir den ganzen Tag im Vatikan waren, ist er uns nicht über den Weg gelaufen.

Päpste waren in den vergangenen Jahrhunderten übrigens nicht so brave Leute wie heute. Damals war der Kirchenstaat noch einflussreich und der Papst eine Autorität. Da fällt mir ja gleich noch eine super Geschichte ein. Gehen wir ein wenig zurück auf den Petersplatz (aber bitte nur in Gedanken, denn draußen ist es immer noch schweineheiß!), zum Obelisken. Auch früher war es schon modern, Reiseandenken mit nachhause zu bringen. Und reiche Leute bringen halt größere Sachen mit, damit sie ihren Reichtum auch zeigen können. Bei Pyramiden wäre der Transport schon einigermaßen kompliziert gewesen, aber den Transport von Obelisken konnte man sich gerade noch vorstellen. Besagter Obelisk wurde von Kaiser Caligula von Alexandria nach Rom gebracht. 25 Meter hoch, 300 Tonnen schwer. Eigentlich ist er ursprünglich an einer anderen Stelle gestanden, aber ein paar Jahrhunderte später hat sich ein Papst gedacht, dass das doch ein würdiger Aufputz für den Petersplatz wäre. Das Problem war nur der Transport. Aber wenn der alte Caligula das hingekriegt hat, warum sollten sie das dann nicht auch schaffen? Also wurde kurzerhand ein Wettbewerb ausgerufen, der regen Zuspruch fand. Das Problem war nur, dass man die Hälfte der Einsendungen gleich wieder schmeißen konnte, da sie auf Beschwörungen und Gebeten basierten. Der Papst hat sich zwar sicher über die Frömmlichkeit seiner Schäfchen gefreut, wollte sich dann aber auch nicht nur auf Gebete und den guten Willen verlassen, vor allem nicht bei einem 300 Tonnen Obelisken. Gut, nach einiger Zeit waren genug brauchbare Vorschläge eingebracht, und ein Architekt wurde mit dem Transport beauftragt. Und weil das für die damalige Zeit als eine große Sache und herausragende Leistung betrachtet wurde, hat er auch gleich ein Buch geschrieben, in dem er diese seine Leistung würdigt. Langer Rede kurzer Sinn, am Ende wurde dann der Stein mittels komplizierter Flaschenzüge mit Hilfe von 900 Männern (ob auch Frauen dabei waren, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, aber wenn es jemandem ein Anliegen ist, bleibe ich gerne an der Sache dran) und 150 Pferden konnte der Obelisk dann transportiert werden. Hier kommen wir wieder zur Autorität des Papstes. Damit dem wertvollen Stück beim Transport nur ja nix passiert, verfügte er, dass absolutes Stillschweigen zu herrschen habe, damit die Konzentration nicht flöten geht. Man stelle sich nur vor, wenn da einer mit der Zunge schnalzt und plötzlich die Pferde durchgehen… nicht auszudenken. Absolutes Stillschweigen also, wer dagegen verstößt – Kopf ab, kein Spaß! Das ganze Unternehmen ging auch eine ganze Zeit lang gut, und bis auf ein wenig Stöhnen und Gewieher (die Pferde hatten das mit der absoluten Stille anscheinend nicht so 100%ig kapiert, aber sie deswegen gleich zu köpfen, wäre doch ein wenig zu mafiamäßig gewesen, in einer Zeit, in der es die Mafia in diesem Sinne ja noch gar nicht gab) war eigentlich wenig zu hören. Doch handelte es sich hier nur um die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Einer der Arbeiter, der nebenbei bei der freiwilligen Feuerwehr war, hat es als erster bemerkt: die Seile begannen aufgrund der Reibung (und der schon damals starken Temperaturen auf dem Petersplatz) zu brennen. Noch war es nicht so weit, aber ein bisserl geraucht hat es schon. Als Feuerwehrmann hat er das natürlich sofort gecheckt, doch gleichzeitig wurde dem Armen auch bewusst, in welcher Zwickmühle er sich plötzlich befand. Er konnte das Maul aufreißen und alle warnen, aber sich die Birne wegen eines blödes Steins abhacken zu lassen war eigentlich keine rosige Aussicht, zumal er eine Familie zuhause hatte, die versorgt werden musste. Und wenn sie Dir zur Strafe den Kopf abhacken steigt auch jede Lebensversicherung aus, das war schon damals so. Außerdem würde er ja als erster bemerken, wenn die Seile durchbrennen, er könnte also bequem zur Seite springen und sein Leben retten. Auf der anderen Seite war der Papst aber ein heiliger Mann, und spätestens beim jüngsten Gericht wäre die ganze Sache aufgeflogen. Also beschloss der brave Katholik, zum Wohle der übrigen Arbeiter, zur Befriedigung der Wünsche des Papstes und nicht zuletzt zum Schutze des Steins, den Märtyrertod zu sterben. Also schrie er laut los und warnte seine Kollegen. Rechtzeitig konnten die Seile gekühlt und die Säule (darf man zu einem Obelisken eigentlich Säule sagen?) auf den für sie bestimmten Platz gehievt werden, wo sie noch heute steht. Und hier sind wir wieder bei der Autorität des Papstes angelangt. Denn nicht, weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, denn immerhin hätte der Obelisk dem Papst ja auf den Schädel fallen können (man stelle sich die Schlagzeile in der Kronenzeitung vor: „Papst von eigenem Größenwahn erschlagen!“), nein, nur der Milde des Heiligen Vaters war es zu verdanken, dass der aufmerksame Feuerwehrmann begnadigt wurde und seinen Kopf behalten durfte! Tja, damals wurden päpstliche Anordnungen halt noch wirklich ernst genommen (vor allem, wenn der eigene Kopf davon abhing).

Für alle, die jetzt leicht eingenickt sind: wir befinden uns immer noch im Petersdom. Wirklich beeindruckend, was man da so alles findet. Und natürlich dreht sich auch hier drinnen alles um die Herrlichkeit und den Größenwahn früherer Päpste. Diese stammten ja oft aus bekannten und reichen Familien, und ebendiesen waren sie auch sehr verbunden. Deshalb hat sich die Tradition entwickelt, dass die Päpste sich und ihre Familien (oder zumindest einzelne Personen daraus) im Dom selbst Denkmäler setzen. Das haben sie natürlich nicht selbst gemacht, sondern sie haben Künstler damit beauftragt. Damals ging es den Künstlern noch besser als heute, denn die Werke, die sie schufen, waren wirkliche Kunst, und keine Schmierereien wie heute. Trotzdem konnte es sich auch zu dieser Zeit keiner leisten, dem Papst etwas zu schenken. Es musste also Kohle her. Als Papst ist man da ja in einer relativ guten Position. Die ganzen Steine kann man ja vom Kolosseum holen, das ist gutes, aber billiges Material. Vom Pantheon, das einem ohnehin ein Dorn im Auge ist, weil es heidnisches Gebäude ist, nimmt man einfach die Goldverzierungen. Und für die Bezahlung der Künstler erhöhen wir halt mal schnell die Kirchensteuer. Alles in allem ein logischer Plan, denn so kann man Geld sparen. Zumindest das der eigenen Familie. Und so kommt es, dass man im Petersdom jede Menge Skurrilitäten findet.

Früher ging’s ja auch bei den Priestern noch so richtig zu, Zölibat gab’s ja noch keines. So hat sich zum Beispiel ein Papst hohes Tier in der Kirche einen Sarg anfertigen lassen, der zu jedem Eck von einer seiner 4 Konkubinen geziert wird, die noch dazu völlig nackig sind. Zwei davon sind auch jetzt noch zu bewundern, allerdings hat sich ein späterer Papst am Anblick der holden Weiblichkeit gestoßen und daher verfügt, dass die heiklen Stellen bedeckt wurden. Ganz interessant ist auch der Papstaltar, auf dem, wie der Name ja schon vermuten lässt, nur der Papst zelebrieren darf. Ein früherer Papst, der offensichtlich auch eine starke Bindung zu seiner Familie verspürte, und dessen Lieblingsnichte lange kinderlos geblieben war, hat sich so narrisch gefreut, als diese dann doch ein Kind gebar, dass er diese Geschichte am Altar verewigt hat.

Die Kuppel des Petersdoms ist auch etwas ganz Besonderes. Damit alle wissen, wer hier der Chef ist, sollte es die größte Kuppel in der Stadt werden, größer noch als die Kuppel des Pantheon. Trotz aller Anstrengungen konnte dieses Vorhaben aber nicht verwirklicht werden, die Kuppel ist zwar höher geworden, den Durchmesser des Pantheon konnte selbst Michaelangelo nicht erreichen, das verdammte Ding drohte einfach immer wieder, einzustürzen. Man musste sich also einem heidnischen Bauwerk geschlagen geben. Aber dumm waren die Leute ja damals auch nicht, also wurde der Pantheon einfach zu einer katholischen Kirche umfunktioniert.

Erwähnenswert natürlich auch, dass rund um das Mittelschiff Statuen von Ordensgründern stehen. Ganz vorne rechts, also in nächster Nähe zum Papst, haben wir auch eine Statue vom Chefe gefunden. Vom Petersdom gäbe es sicherlich noch viel zu erzählen, aber mehr habe ich mir einfach nicht merken können.

Nach dem Petersdom gibt’s gleich wieder ein Schmankerl, das eigentlich allen anderen Besuchern entgangen ist, nämlich den deutschen Friedhof. Wieso der gleich neben dem Petersdom ist, habe ich mir auch nicht gemerkt, aber der kleine Friedhof ist ein wunderschönes, mit prächtigen Blumen und Bäumen bewachsenes Fleckchen, ein richtig lauschiges Plätzchen inmitten des ganzen Trubels.

Ich weiß, nun warten schon alle auf den großen Höhepunkt. Bevor wir dorthin kommen, heißt es aber noch anstellen. Weil Margit die Sixtinische Kapelle schon kennt und sich nicht in der Hitze anstellen will, geht sie lieber einkaufen. Ich muss mir das ansehen, wenn ich schon mal dort bin, auch wenn ich mich da eigentlich wirklich nicht anstellen möchte. Ich stehe also in der Schlange und warte. Die Wartezeit wird einem dabei sehr kurzweilig gestaltet. Überall entlang der Mauern haben sich vorwiegend schwarze Händler niedergelassen, die ihre Ware feilbieten. Überall gibt es Prada Taschen, Dolce & Gabana Gürtel und Chanel Sonnenbrillen zu Sonderpreisen, aber garantiert echt, wie mir die Händler immer wieder versichern. Echt nett, dass die das so günstig verkaufen, irgendetwas muss ja billig sein, wenn schon das Bier so teuer ist. Ich sehe mir gerade ein wirklich nettes Prada Täschchen an, als plötzlich aus heiterem Himmel (der war nicht nur heiter, sondern absolut wolkenlos!) alle Händler gleichzeitig auf Mittagspause gehen wollen und hastig ihre Sachen packen. Als ich ein Auto der Finanzbehörde sehe, kommen in mir ernsthafte Zweifel auf, ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Leute von der Finanzbehörde sind aber im Prinzip ganz nett. Ein junger Verkäufer steht mit dem Rücken zur Straße und ist zudem gerade damit beschäftigt, wie wild auf einen möglichen Käufer einzureden. Die Finanzbeamten bleiben mit dem Auto hinter ihm stehen, aber auszusteigen halten sie nicht für nötig. Der Beamte auf dem Beifahrersitz streckt seine Signalkelle aus dem Fenster und klopft damit an die Autotür. Als der Verkäufer endlich bemerkt, dass diese Geräusche ihm gelten, packt auch er hastig seine Waren, hebt noch die Hand zum Gruß in Richtung der Finanzbeamten, ruft „Sorry!“ und verschwindet auch auf die andere Straßenseite. Als das Auto um die Ecke biegt, kommen wieder alle zur Mauer und beginnen, ihre Waren wieder aufzulegen.

Nach einer halben Stunde habe ich es endlich geschafft, die 2. Mauerlänge ist fast geschafft, das Ziel ist nahe. Und das viel schneller als erwartet. Doch nach der nächsten Ecke der große Schock: hinter der Ecke ist nicht gleich der Eingang, wie Margit mir das erzählt hat, sondern die Warteschlange erstreckt sich noch einmal über 2 Mauerlängen. Es stellt sich heraus, dass die Schlange alles in allem ca. 750 Meter lang ist. Nach einer Stunde erreiche ich dann doch endlich den Eingang, jetzt kanns losgehen. Ich betrete die Vatikanischen Museen, wo die Kirchenväter im Laufe der Jahrhunderte jede Menge Kunstschätze zusammengetragen haben. Ich gehe ein wenig durch die Räumlichkeiten, sehe mit die Zimmer an, die Raffael aufgemalt hat, und warte eigentlich nur auf das Grande Finale. Und ich muss schon sagen, wenn man da reinkommt, haut es einen wirklich um. Bei der Sixtinischen Kapelle gibt’s keine Coverversionen, nur die besten Originale! Man darf drinnen eigentlich nicht fotografieren, aber als ich die Kapelle betrete, wimmelt es nur so von Leuten, und alle fotografieren. Die völlig überforderten und entnervten Kapellmeister winken verzweifelt und resignierend mit den Händen und rufen „no photos“ in die Menge. Kümmern tut das keinen. Ich hingegen halte mich natürlich streng an die Vorschriften.

Im Film „Good Will Hunting“ wirft der Psychologe Robin Williams Will Hunting sinngemäß vor, dass dieser all sein Wissen nur in der Theorie aus Büchern kenne, und jedes einzelne Bild in der Sixtinischen Kapelle erklären könne. Ihm fehle es aber an Gefühl, und so wisse er zum Beispiel nicht, wonach es in der Kapelle riecht. Nun, ich kann Euch sehr wohl sagen, wonach es in der Sixtinischen Kapelle riecht: es stinkt nach Schweiß und sonstigen Aussonderungen von Touristen.

Die Geschichte der Kapelle ist natürlich auch wieder ganz interessant. Die Decke und die gesamte vordere Breitseite sind from the master himself, Micheangelo. Eigentlich war es gar nicht geplant, dass Michelangelo den Auftrag für die Decke bekommt. Doch neidische Künstlerkollegen haben den Papst so lange aufgestichelt, bis er ihm den Auftrag angetragen hat. Natürlich wollten die Kollegen dem Meister damit keinen Gefallen tun, sondern haben vielmehr gehofft, dass sich der alte Sack mit diesem Auftrag übernimmt, sich zum Gespött macht und nebenbei noch beim Papst in Ungnade fällt. Michelangelo hat sich da natürlich nicht foppen lassen und das gemeine Spiel gleich durchschaut. Er wollte den Auftrag nicht annehmen. Schließlich hat man sich dann darauf geeinigt, dass Michelangelo den Auftrag doch annimmt, denn zu dieser Zeit hat auch ein Michelangelo zum Papst nicht einfach nein gesagt. Schließlich wollte er seinen Kopf noch eine Weile behalten. Nach über 8 Jahren Pinselei ist Michelangelo schon dem Nervenzusammenbruch nahe gewesen, aber am Ende mussten seine Kollegen erkennen, dass sie ihm und der Menschheit mit ihrer Missgunst einen großen Gefallen getan haben. Sie haben es ihm ermöglichst, das wahrscheinlich größte, schönste und coolste Kunstwerk aller Zeiten zu erschaffen. Ich möchte jetzt sicher nicht hören, dass die Mona Lisa das berühmteste und beste Kunstwerk aller Zeiten ist, denn ich habe die Mona Lisa gesehen, und sie ist nur ein mickriger kleiner Fetzen, der zwischen vielen weiteren unbedeutenden Fetzen im Louvre hängt und den man nur erkennt, weil Panzerglas darüber ist und tausend Leute versuchen, durch dieses Glas zu fotografieren, durch das mal auch ohne Kamera schon kaum sieht. Echt enttäuschend. Auf jeden Fall steht man in der Sixtinischen Kapelle und kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Eigentlich kann man dieses Werk nicht beschreiben, es ist einfach nur wunderschön. Auch für Menschen wie mich, die mit Kunst sonst nicht so viel am Hut haben. Und wenn man da so unten steht und nach oben schaut, schießen einem glatt die Tränen in die Augen. Mir natürlich nicht, aber allen anderen. Im Übrigen stimmt es gar nicht, dass Michelangelo das Ganze im Liegen gemalt hat, er hat es im Stehen gemalt und sich ein steifes Genick und einen Buckel geholt.

Michelangelo hat dann auch noch eine Breitseite von 40m² gestaltet, das Bild zeigt das jüngste Gericht. Auf das ist ein wunderschönes Werk. Die ganze Kapelle wurde vor einigen Jahren in mühevoller Kleinarbeit renoviert, die Renovierungsarbeiten dauerten 11 Jahre, länger als Michelangelo dafür gebraucht hat. Zum Vorschein kamen dabei ganz neue Farben und ein Stil Michelangelos, der es nötig machte, seinen Stil in den Kunstbüchern ganz neu zu beschreiben. Zum Vergleich wurden einige Stellen bei der Renovierung ausgelassen, damit man den Unterschied nachvollziehen kann. Finanziert wurde die Renovierung für etliche Millionen vom japanischen Fernsehen, das dafür die Exklusivrechte für die Dokumentation der Arbeiten bekam. Bei den Arbeiten wurde nichts nachgezeichnet oder nachgefärbt, das Ganze wurde vielmehr in mühevoller Kleinarbeit von Experten quadratmillimeterweise vom jahrhundertealten Dreck befreit.

Als ich hinausgehe bin ich froh, dass ich mir das lange Warten angetan habe, ich hätte mich wirklich in den Allerwertesten gebissen, wenn ich das versäumt hätte. Im Nachhinein betrachten war die Wartezeit gar nicht so lange, und im Endeffekt hat das lange Hinarbeiten auf den Höhepunkt die ganze Sache noch schöner gemacht.

Ich treffe mich mit Margit wieder in der Unterkunft, die vom shopsen auch ganz fertig ist. Dabei hat sie die Klapperl, die sie gesucht hat, gar nicht gefunden. Wir wollen wieder zum Fußball. Eigentlich will ja ich mehr zum Fußball, Margit reicht es, ein Spiel zusehen. Ich glaube, sie kennt sich im Fußball nicht wirklich aus, daher ist es noch verwundernder, wie geduldig und interessiert sie zusieht und immer nachfragt, warum denn der Schiedsrichter jetzt ein Foul gepfiffen hat. Auch die Abseitsregeln versuche ich ihr zu erklären, aber nur die Basics, denn ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich selbst mit den ganzen neuen Bestimmungen beim Abseits nicht zurecht kommen. Das ist doch hirnrissig! Auf jeden Fall will Margit Beckham sehen. Aber nicht, weil sie eine der Tussn ist, die sich Fußball wegen der feschen Fußballer ansehen, sondern weil alle immer von ihm sprechen und sie ihn noch nie gesehen hat. Kein großer Verlust, wenn man mich fragt. Er ist zweifellos einer der am meisten überschätzten Fußballer. Wir gehen zum Campo de’ Fiori, einem der Hauptplätze in Rom. Wir sehen ein super Lokal mit Gastgarten, heraußen ein Flachbildschirm. Im Garten sitzen schon einige Brasilianer und warten auf das Abendspiel. Hmm, hier könnte man sicher rauchen, aber die Sonne brennt dermaßen auf den ungeschützten Garten, dass man es erstens nicht aushält, zweitens ist bei diesem grellen Licht die Sicht auf dem Flachbildschirm nicht wirklich gut. Wir gehen also ein paar Meter weiter zu einem Pub, in dem schon eine Menge Engländer sitzen. Das Spiel hat soeben begonnen, und wir ergattern noch einen Platz an der Bar. Auch ein paar Portugiesen sind da, aber nicht sehr viele. Englische Fußballfans haben ja den Ruf, dass sie schon vor dem Spiel völlig besoffen sind, herumgrölen und randalieren. Nicht so hier. Die meisten haben ihre Freundinnen mit, einige der Mädchen sind sogar alleine da. Und so kommt es, dass es hin und wieder, wenn Beckham im Bild ist, zu grellen Aufschreien kommt. Wir waren gerade noch rechtzeitig da, denn nach unserer Ankunft füllt sich die Bar immer mehr. In Rom gibt es nicht so viele Lokale, die auch schon die Nachmittagsspiele übertragen. Margit sieht sich mit mir die erste Halbzeit an und geht dann noch ein wenig einkaufen, wegen der Klapperl. Rechtzeitig zum Elferschießen ist sie wieder da, die Enttäuschung über die Niederlage ist groß.

Mir fällt ein, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Margit will sich wieder mit Freunden aus ihrer Studienzeit treffen, und ich mache mich auf dem Weg zum Brasilianerlokal, das jetzt wunderbar im Schatten liegt. Ich bin auch so zeitig dran, dass ich noch einen guten Platz bekomme. Das Lokal füllt sich langsam mit Brasilianern, die singend und tanzend einziehen und sich untereinander anscheinend alle kennen. Alle natürlich in den brasilianischen Nationalfarben. Ein kleiner Junge, ich schätze ihn auf ca. 13 Jahre, steht auf der Straße neben dem Lokal. Er hat ein kleines Wagerl mit einem Kassettenrekorder, aus dem Musik kommt. Dazu spielt er, und das gar nicht schlecht, unter Jubel der brasilianischen Fans, auf seiner Geige. Die Begeisterung erreicht einen ersten Höhepunkt, alle hüpfen herum und stimmen Fußballlieder an. Es wird getanzt, dass es sich bei der Musik um den ungarischen Tanz handelt, scheint keinen zu stören. Die Preise im Lokal sind ein Wahnsinn, 6 Euro für das Lackerl Bier, von den Speisen gar nicht zu sprechen. Ich bestelle mir Pasta, die auf der Karte als Vorspeise geführt wird. Mehr als zwei Bissen sind es dann auch nicht, aber nachdem ich 13 Euro dafür bezahlt habe, habe ich plötzlich keinen Hunger mehr. Auch hier das gleiche Phänomen wie in der vorigen Bar, immer mehr Leute kommen, sie stehen reihenweise hinter dem Gastgarten und beobachten das Spiel. Immer wieder Schlachtgesänge. In der Zwischenzeit haben sich auch ein paar Franzosen dazu gesellt und schwingen ihre Fahnen. Sonst sind sie aber ob der brasilianischen Überzahl ziemlich kleinlaut. Neben mich setzt sich ein Italiener. Er ist 40 Jahre und hat einen klingenden Namen, den ich trotzdem vergessen habe. Er legt seinen französischen Reisepass auf den Tisch. Er erzählt mir, dass er sich das Spiel eigentlich in der französischen Botschaft ansehen wollte, aber aus irgendeinem Grund, den ich mir schon gut vorstellen kann, ihm hingegen völlig unklar blieb, machte ihm keiner auf. Also hat er sich einen Sessel geschnappt und neben mich gedrängt, der einzige Platz, der noch frei war. Mich stört das ja nicht. Und obwohl ich gelernt habe, dass man nicht mit Fremden spricht, werde ich doch ein wenig neugierig. Es stellt sich heraus, dass der Italiener nicht nut Italiener, sondern auch Franzose ist. Mutter Französin, Vater Italiener. Er arbeitet für die UNO, ist schon viel auf der Welt gekommen und war vor kurzem auch in Wien. Er hat sich für eine Stelle bei der Atombehörde der UNO beworben. Seine Frau ist Französin und besucht gerade ihre Familie in Frankreich. Das gibt ihm die Gelegenheit, von all den knapp bekleideten Brasilianerinnen zu schwärmen. Die schönsten Frauen der Welt. Vor ein paar Wochen war er auch in Rio.

Nach dem Spiel (und dem Sieg der Franzosen) ist die Hölle los. Die Brasilianer sind plötzlich stumm, dafür tönt die Marseilleise über den römischen Hauptplatz. Die Leute tanzen ausgelassen auf dem Platz. Ich habe zu Brasilien geholfen, nach England schon die zweite Enttäuschung am heutigen Tag. Die französische Hymne gefällt mir trotzdem besser, weil ich da auch ein wenig mitsingen kann. Zu lange kann ich aber nicht feiern, denn ich will ja nicht auf der Straße schlafen. Gott sei Dank hat es diesmal keine Verlängerung gegeben, denn sonst wäre ich nicht mehr rechtzeitig nachhause gekommen. Bin ich eigentlich auch so nicht, denn der einzige Bus, von dem ich die Fahrtroute kenne, fährt mir vor der Nase weg. Und die Anzeigetafel an der Busstation hilft mir auch nicht weiter, da steht nur ein Schild mit der Aufschrift „tutte le direzzione“, alle Richtungen. Die Italiener sind wirklich ein komisches Volk, denn auch wenn bei der Station alle Linien vorbeikommen, hätte ich doch schon recht gerne gewusst, welcher in meine Richtung fährt. Und was bisher eigentlich kein Problem war, wird plötzlich zu einem, ich finde nämlich keinen Italiener, der englisch spricht. Also muss ich mein letztes Italienisch auspacken, um mir den Weg nachhause zu erfragen. Das dauert ein wenig. Ich komme nach halb zwölf an, trotzdem ist der Portier noch da.

Für mich geht es aber noch nicht ins Bett, denn die Ereignisse der letzten Tage haben mich so beeindruckt, dass ich das unbedingte Bedürfnis verspüre, das alles niederzuschreiben. Also starte ich noch meinen Laptop und beginne, dieses Tagebuch zu schreiben, bis spät in die Nacht. Trotzdem schaffe ich es nicht, den Bericht für die ersten drei Tage komplett fertig zu stellen.

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