Was ist mir gleich am ersten Tag vorgenommen hatte, schaffe ich natürlich auch heute Morgen wieder nicht. Ich hatte eigentlich geplant, zum Kolosseum zu gehen, um dort den Sonnenaufgang zu fotografieren. Mir als geübten Fotografen ist natürlich gleich beim ersten Besucht dort aufgefallen, dass das Licht dort in der Frühe am besten sein muss. Wie dem auch sei, auch an diesem Morgen habe ich es wieder nicht geschafft, so bald aufzustehen.
Ich treffe mich mit Margit, und eigentlich haben wir keinen Plan, was wir eigentlich machen sollen. Es gibt noch einige Dinge, die wir noch nicht gesehen haben, also zumindest ich nicht, aber Margit will die Entscheidung über die Reihenfolge nicht treffen und mir ist das egal. Dass das natürlich nicht unbedingt die beste Konstellation ist, wird der romkundige Leser im Laufe des Berichts noch nachvollziehen können, wenn er bemerkt, dass uns unsere letzte Besichtigungstour durch ganz Rom führt, der weiteste Weg, den wir in den letzten Tagen zurückgelegt haben.
Wir beginnen also mit der wahrscheinlich wichtigsten Sehenswürdigkeit, die wir während unseres Aufenthaltes noch nicht besucht haben. Also rein in die U-Bahn (die rote) und ab zur Piazza di Spagna. Dort erwartet uns, wie der Name ja schon vermuten lässt, die spanische Treppe. Und da muss ich Euch gleich wieder mit Geschichte langweilen. Man stößt hier in Rom ja immer wieder auf sehr interessante Geschichten, die, wie die letzten Tage beweisen, ja mitunter sehr kurios sein können, und so ist auch die Geschichte der Spanischen Treppe eine Geschichte von Italienern und Franzosen. Wieso dann Spanische Treppe frage ich mich?
Vor der Treppe endlich mal ein richtig schöner großer Platz, der Piazza di Spagna, der der Spanischen Treppe wirklich würdig ist. Mitten auf dem Platz ein ganz lustiger Brunnen. Er zeigt ein Boot, das gerade untergeht. Die Stelle, an der der Brunnen steht, markiert die Stelle, bis zu der das Wasser bei einer verheerenden Tiberüberschwemmung einmal gestiegen ist. Darum auch das untergehende Boot. Der Brunnen wurde von Bernini gebaut. Eh klar, schon wieder Bernini. Diesmal handelt es sich aber um den Vater des uns bereits bekannten Bernini, der denselben Namen hatte. Zufälle gibt’s. Wie man es ja schon von vielen anderen Kunstwerken kennt, so wurde auch in dieses mehr hineininterpretiert, als sich der Künstler wahrscheinlich dabei gedacht hat. Eine Tiberüberschwemmung war wahrscheinlich nicht logisch oder spektakulär genug, der musste sich schon auch noch etwas Anderes gedacht haben, und so gab es die kuriosesten Erklärungsversuche. Einer davon, dass der Brunnen das weibliche Geschlechtsorgan darstellt. Häähhhh??? Nicht mal mit sehr viel Phantasie kann ich das da reininterpretieren. Lustig auch wieder einmal der Vatikan, der den Brunnen als Zeichen für die Kirchen und den Glauben bezeichnete. Warum dafür gerade ein untergehendes Schiff als Symbol gewählt wurde, bleibt bis heute unbekannt.
Zurück zur Treppe. Wenn ich diese Geschichte erzähle, darf ich eigentlich nicht mit den Stufen selbst beginnen, sondern muss sagen, wohin sie führen. Sie führen zu einer Kirche auf einem Hügel, die von den Franzosen gebaut wurde. Diese Kirche war früher nur über einem ziemlich verwilderten Aufgang zu erreichen. Rasenmäher gab es damals ja noch nicht. Und weil Frankreich ja eine große Nation ist, und der König sowieso ein Gott, kann man sich mit so einem mickrigen Aufgang natürlich nicht zufrieden geben. Es muss aber eine Treppe her, eine, die was hergibt. Und natürlich soll die auch ein französisches Nationaldenkmal sein, daher soll auch ein Reiterdenkmal mit dem Bildnis des französischen Königs errichtet werden. Hier mischt sich nun der Papst ein und gibt seinen Senf dazu. Er sagt, dass die Franzosen wohl so einen Statue aufstellen können, aber nicht in Rom, denn da ist der Papst der Chef. Es wird also hin und her diskutiert, die Treppe wird gebaut, aber ohne Denkmal für den französischen König. Ein paar Jahre später will ein anderer Papst den Spieß umdrehen und einen Obelisken (ja, schon wieder ein Obelisk) zur Demonstration der Macht des Vatikans aufstellen, aber hier legen die Franzosen wieder ein Veto ein, und es passiert wieder nichts. 1789 wird schließlich doch noch ein Obelisk aufgestellt, denn die Franzosen haben zu dieser Zeit andere Sorgen, gilt es doch jede Menge Leute zu köpfen.
Und weil es zu diesem Thema nicht viel mehr zu erzählen gibt, löse ich nun die, wie ich meine, mit viel Geschick aufgebaute Spannung auf und verrate, wie die Spanische Treppe zu ihrem Namen kam: In der Nähe befindet sich die spanische Botschaft, frührer war der Platz daher auch spanisches Hoheitsgebiet und Möglichkeit zur Flucht vor dem Vatikan. Und so sind die Spanier eigentlich der lachende Dritte in dieser Geschichte: Eine wunderschöne Treppe wurde von den Franzosen gebaut, der Vatikan hat auch noch einen Obelisken springen lassen, und heute glauben alle, das Ganze sei den Spaniern zu verdanken.
Die Treppe wurde übrigens vor einigen Jahren renoviert. Sie ist ein beliebter Treffpunkt für das römische Volk, und vor allem auch für Touristen. Nach der Renovierung war es verboten, auf der Treppe zu essen oder zu trinken, es gab sogar Wärter, die gewissenhaft die Einhaltung dieser Regeln einforderten. Von den Wärtern war an diesem Sonntagvormittag jedoch nichts zu sehen. Und weil irgendetwas immer renoviert wird, ist der Obelisk bei unserem Besuch von einem Gerüst verdeckt.
Wenn man den Platz überquert, in Verlängerung der Treppe sozusagen, befindet sich eine beliebte Einkaufsstraße. Sie ist, wenn auch noch exklusiver, ein wenig mit der Kärntnerstraße zu vergleichen. In der Straße sind gleich nebeneinander die Geschäfte so ziemlich aller berühmten und teuren Designer angesiedelt. Eines muss man den Italienern lassen, sie sind schon sehr vernünftige Männern. Ja, richtig gehört, Männer. Sie haben nämlich Mitleid mit anderen Männern, vor allem mit jenen, die in Begleitung einer Frau unterwegs sind. Und so kommt es, dass die Geschäfte, wie es für ein katholisches Land gehört, am Sonntag nicht nur geschlossen sind, nein, auch die Gitter sind so konstruiert, dass man nicht in die Geschäfte hineinsehen kann. Das spart Zeit und Geduld, denn mit Fenstershopsn ist hier nichts. Wir gehen die Straße zwar ein Stückchen entlang, das dauert aber nicht sehr lange.
Wir gehen jetzt die Spanische Treppe hinauf, an der Kirche vorbei zum Pincio. Das ist wieder ein Hügel, aber keiner der sieben Hügel, auf denen Rom erbaut wurde, denn dieses Gebiet war zu dieser Zeit noch weit außerhalb Roms. Vom Hügel aus hat man eine beeindruckende Sicht über Rom. Dahinter erstreckt sich ein riesengroßer Park, in dem man einige Herrenvillen und Museen findet. Der Pincio ist für die Bevölkerung von Rom ungefähr das, was die Donauinsel für die Wiener ist: Ein Erholungsgebiet zum Ausruhen, Radfahren, Skaten usw. Weil dieses Gebiet eigentlich dem immer zunehmenden Verkehr in Rom im Weg war, wollte man es teilweise abreißen und Straßen bauen. Die Bevölkerung hat sich aber erfolgreich dagegen gewehrt, und das ist auch gut so. Schließlich wurden Tunnel in den Hügel gesprengt, in denen nun der Verkehr verläuft. Wir verbringen eine längere Zeit auf einer steinernen Parkbank, weil es hier sehr ruhig und vor allem schattig und durch eine leichte Brise auf dem Hügel angenehm kühl ist. Die Sonne brennt ja schon wieder runter wie nix. Eine Besichtigung der Museen wollen wir uns sparen, wir machen nur einen kleinen Spaziergang zum Zentrum des Parks, in dem sich ein kleiner, künstlich angelegter See befindet. Hier kann man sich ein Boot mieten und eine romantische Bootsrundfahrt auf dem idyllischen See machen. Ein kleines Problem ist nur, dass es schon ziemlich eng wird, wenn sich mehr als zehn Bote auf dem See befinden, und dass an den Rundern büschelweise grausliche Algen hängen, ist auch nicht gerade förderlich für das Aufkommen von Romantik bei der trauten Zweisamkeit.
Wir gehen, den Hügel runter, zum Piazza del Popolo. Das ist der größte Platz, den wir in Rom sehen. Mit Ausnahme des Petersplatzes natürlich, der befindet zwar in der gleichen Stadt, aber in einem anderen Staat. (Hier fällt mir noch ein, dass es beim Vatikan gar keine Grenzkontrollen gegeben hat, und auch Alkohol und Zigaretten darf man in unbegrenztem Umfang ein- und ausführen). Der Platz war, wenn man vom Norden her kam, früher das erste, das Romreisende, die über die Via Flaminia kamen, von der Stadt gesehen haben, dementsprechend prunkvoll sind auch das Tor und der Platz gestaltet. Vom Platz gehen, wie ein Dreizack, drei Straßen weg, die mittlere ist die Via del Corso, die direkt zum Piazza Venezia und somit zum Forum Romanum führt. In der Mitte des Platzes thront, wie sollte es anders sein, ein Obelisk. Wegen Renovierungsarbeiten hinter einem Gerüst, natürlich.
Jetzt weiter Richtung Vatikan, zur Engelsburg. Davor machen wir aber noch Halt am Piazza Navona, weil es dort in der Nähe ein gutes Eis gibt. Auch dieser Platz ist wieder sehr interessant. Hier stand zu Zeiten des antiken Roms ein Stadion. Auf den früheren Tribünen wurden Häuser gebaut, die Arena selbst wurde zum Marktplatz umfunktioniert. Der Platz hat auch gebäudemäßig einiges zu bieten. In der Mitte befindet sich ein Brunnen, Fontana die quattro fiumi, der Vierstrombrunnen. Vier Männer, die sich an den Ecken befinden, symbolisieren die großen Ströme der damals bekannten Welt. Der Brunnen wurde von, ganz richtig, Bernini erbaut. Direkt vor dem Brunnen die Kirche der Heiligen Agnes, von Borromini gestaltet. Anscheinend hat es da ein wenig Streit zwischen den beiden Architekten gegeben, denn beide wollten den Auftrag für die unbedingt haben, Borromini bekam den Zuschlag. Bernini durfte dafür den Brunnen bauen. Der war darüber ein wenig ziemlich verärgert und begann den Brunnenbau, noch vor der Errichtung der Kirche. Und dass Bernini auch ziemlich nachtragend war, sieht man heute daran, dass alle vier Figuren des Brunnens den Blick von der Kirche abwenden. Eine Legende erzählt auch, dass Borromini daraufhin die Statue der Heiligen Agnes von Rom so aufgestellt hat, dass sie am Brunnen vorbeiblickt, aber das lässt sich insofern widerlegen, als die Statue erst nach Borrominis Tod aufgestellt wurde.
Die Englesburg wurde im 2. Jahrhundert nach Christus errichtet und war Grabmal und Tempel für Kaiser Hadrian. Später wurden auch noch andere römische Kaiser, deren prominentester Vertreter wahrscheinlich Mark Aurel ist, dort bestattet. Später wurde ein Mauergang von der Engelsburg zum Vatikan errichtet, und die Burg wurde in Zeiten von Belagerung und Plünderung zum Zufluchtsort für den Papst. Die Engelsburg erlangte dann auch als Gefängnis und Folterkammer der Inquisition zweifelhaften Ruhm. Unter anderem waren dort Kaliber wie Galileo Galilei inhaftiert.
Musikinteressierte wissen natürlich auch, dass die Oper „Tosca“ von Puccini teilweise auf der Engelsburg handelt. Die Hauptdarstellerin der Oper stürzt sich von den Mauern der Burg in den Tod, was zwar sehr spektakulär klingt, eigentlich aber so nicht möglich ist. Denn in der Realität wäre sie nur auf einen Balkon gefallen und hätte sich maximal den Knöchel verstaucht, aber für eine Oper ist das zu wenig. Originell wäre gewesen, wenn sie von einem Obelisken, der auf dem Balkon steht, ausgespießt wird, aber das wäre für eine Oper dann wahrscheinlich zu blutig gewesen. Und woher bitte einen Obelisken nehmen?
Vom der Engelsburg hat man einen schönen Blick auf den Vatikan, direkt auf den Petersplatz. 1929 wurde der Vatikan als Staat eingerichtet, und als Zeichen der Versöhnung zwischen Kirche und Staat ließ Mussolini diese Straße, die Via della Conciliazione, Straße der Versöhnung, erbauen.
Es ist mittlerweile schon wieder Nachmittag, Zeit für eine Pause. Wir begeben uns auf die Suche nach einer Pizzeria. Schließlich finden wir in einer Seitenstraße ein gemütlich Restaurant mit gemütlichem Gastgarten, davor allerdings ein Schild mit der Aufschrift „Pizza 30m links“. Auch dort ein Lokal mit schönem Gastgarten, der jedoch der prallen Sonne ausgeliefert ist. Dort wollen wir auf keinen Fall sitzen. Margit will nur etwas essen, ich will auf jeden Fall eine Pizza. Also stehen wir ein wenig unschlüssig rum, bis ein Kellner aus dem ersten Lokal kommt und uns einen Platz anbietet. Wir lehnen dankend ab mit dem Hinweis, dass wir Pizza essen wollen. Das ist für den Kellner kein Problem, wir können im Schatten sitzen, und er holt die Pizza aus dem Nebenlokal. Ich vermute mal, dass die Besitzer der beiden Restaurants Cousins sind. So bleibt das Geld wenigstens in der Familie.
Im Judenviertel gibt’s noch einen wichtigen Brunnen, den Schildkrötenbrunnen. Der ist ganz witzig, weil Statuen von Männern Schildkröten zum Brunnen hinauf heben, damit diese trinken können. Vom Brunnen sehen wir aber leider nichts, weil er komplett verdeckt ist. Wird gerade renoviert. Aber zumindest ein Foto können wir und ansehen.
Eigentlich bin ich schon sehr müde, aber Margit erzählt mir schon seit drei Tagen, dass ich unbedingt die Kirche San Giovanni in Laterano sehen muss. Es kostet mich schon Überwindung, dort noch hinzufahren, zumal es am anderen Ende der Stadt ist, aber ich gebe mir einen Ruck, weil ich das Gefühl habe, dass es Margit sehr wichtig ist. Bisher hat sie ja mit all ihren Tipps Recht gehabt, also habe ich auch diesmal keinen Grund, an der Sehenswürdigkeit dieser Kirche zu zweifeln. San Giovanni in Laterano ist der ursprüngliche Papstsitz und daher nach dem Petersdom die wichtigste Kirche in Rom. Von außen sieht sie sehr schön aus, leider können wir nicht rein, da vor der Kirche ein Open Air Festival stattfindet und alles gesperrt ist. Da ganz in der Nähe wieder eine Kirche ist, sehen wir uns diese an. Sie ist natürlich auch wieder ganz wichtig. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Margit sich gerne Kirchen ansieht, aber ich darf ihr da wirklich nicht Unrecht tun, denn es zahlt sich aus, auch diese Kirche zu besuchen, auch wenn die Müdigkeit immer größer wird. Aber schließlich ist man nicht aller Tage in Rom, und da ist es schon gut, einen Antreiber zu haben, der einen den inneren Schweinehund überwinden lässt. Interessant an der Kirche ist, dass hier drei Kirchen übereinander gebaut wurden. Die unteren Teile sind aber leider schon geschlossen.
Im Salesianerhaus angekommen gehen wir gleich zu einem Pater und bezahlen die Zimmer. Da er keine Bestätigungsformulare hat, bittet er uns, am nächsten Morgen ins Büro zu gehen, dort können wir uns die Bestätigungen abholen. Margit trifft sich noch zum Pizzaessen mit Freunden (aha, deshalb wollte sie mittags keine Pizza), ich bin auch eingeladen, lehne aber ab, weil ich jetzt wirklich nicht mehr kann. Außerdem habe ich für die kommende Woche und die Bewerbungsgespräche noch einiges vorzubereiten. Zu wirklich viel komme ich aber nicht, da ich schon nach zwei Stunden so müde bin, dass ich ins Bett gehe.
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